Glauben & Spiritualität

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Alles hat sich verschoben: Selbst der Wein und die Schläuche - was ist alt - was ist neu ...: Eine "Alternative für Alle" - AfA ...

Auf Jesu Label vom "Reich Gottes" lässt sich heutzutage niemand mehr ein. Bei "Reich Gottes" denken zumeist Landsleute immer noch an die "Reichsbahn", an das "Deutsche Reich", an die "Reichsmark". Reich sind immer die Anderen, die "Besitzenden" - wir sind arm ... haben nichts, hecheln immer hinterher - spielen höchstens mal Lotto ...


"Reich" das hat für die meisten etwas Altes, Überholtes und Verdächtiges, Unerreichbares - vor allem denken sich besonders die Deutschen aber "Reich Gottes" als etwas Territoriales, als ein Gebiet in irgendwelchen Abgrenzungen ...

 

Wenn man Gott als seine ureigenste Heimat erkennt - Gott, von dem ich komme - Gott der mein Alltag ist, der mich begleitet - Gott, zu dem ich heimkehre ... - dann haben die geografischen und nationalen Begrenzungen und Grenzziehungen ausgedient - die so viel Leid in die Welt gebracht haben und bringen: nationale Grenzen, die nicht von Gott geboten oder geschaffen oder von der Natur gezogen sind, sondern von Menschen erdacht und vermessen und verteidigt und vermint und eingezäunt ... - eine allgemeine menschlich-pathologische Entgleisung - eine fixe Idee - die mit dem "Reich-Gottes"-Begriff überwunden wird ...

 

"This land is my land" ??? - NEIN: "This land is God's land" !!! - und dieses Land ist lediglich mir zur "vernünftigen" Nutzung überlassen ...

 

Und bei "Grenzen" hört ja die deutsche Gemütlichkeit sowieso auf - nach dem 2. Weltkrieg und der Flüchtlings-Welle damals aus dem Osten, die heute so gern vergessen wird ... Die Emigrationen der deutschen Wissenschaftler ins Ausland ... - DDR-Trauma und der Berliner Mauer: aber auch die Grenzen im Kopf ... Man denkt nicht über den "eigenen" Tellerrand hinaus - bei allem was fremd ist ...

 

Dabei ist ja von Jesus mit dem "Reich Gottes" allerhöchstens ein Denkterritorium gemeint und beschrieben ... - eine Ausrichtung in spiritueller Hinsicht: ein Leben "reich an Gott" ... - ein Leben nach diesem alten Grundsatz: Liebe Deinen Nächsten - wie Dich selbst ... - und lasse Dich leiten von Deinem Gott in Dir ...

 

Um also zu wissen, wie man seinen Nächsten zu lieben hat, muss man zunächst eine Liebe zu sich selbst entwickeln: Versuche etwas über Dich herauszubekommen: Warum ticke ich wie ich ticke - was steckt jeweils dahinter ... Wer oder Was ist das innere Kind in mir ... Übe Dich in Selbsterfahrung: Beobachte Dich in deinem "Über-Ich" ähnlich wachsam wie das «Lenor-Gewissen» aus der alten Weichspüler-Reklame. Entdecke Dein inneres Ge-wissen ... - Dein Wissen über Dich - und warum Du bist wie du bist ... - und was du nicht an dir lieben kannst, das vernachlässige, lass es sein, streif es ab - "zieh Dir ein neues Gewand an" ...

 

Dieser Weg erfordert Mut und Demut, sehr viel Demut, du musst auch über Dich und Deine Vorfahren trauern können, über das was sie wie wem auch immer angerichtet haben, über ihre ängstliche Kaltschnäuzigkeit ...: 

 

Und jetzt kommts: Gottes Stärke wird in dem Schwachen mächtig ...: Wenn ich nicht mehr alles kann, wenn ich nicht mehr alles und jedes "überblicke", immerzu "souverän" alles im Blick habe, wenn ich mir Fehler eingestehe, die ich aber zuvor auch selbstgerecht an und in mir entdecke und als solche definiere ... - ja - wenn ich dazu komme: Hilf Herr, helf mir, wenn mich seine starken Arme auffangen, bevor ich falle ... Wenn ich diese innere Stärke von "Woanders" her überhaupt zulasse und mich ihnen auch überlassen kann: dann - erst ganz langsam - und dann immer deutlicher - entwickelt sich dieses Reich Gottes in mir, diese Denke mit Ihm, dieses Innehalten, auf die Richtungsweisung lauschen ... - auf dieses imaginäre "An-die-Hand-genommen-Werden", Geführtsein, auf diese "Kraft und die Herrlichkeit" ...

 

Das ist dieses Fetzchen "Reich Gottes" - reich durch Gott - reich an Gott - reich in Gott ... Nicht meine Souveränität sondern Gottes Souveränität - das ist eine Denke, ein Umprogrammieren des derzeitigen Zeitgeist-Alltagstrotts, eine neue Selbsterfahrung ..., das Ausbüxen aus dem Strom der Lemminge ...

 

Reich Gottes wird in moderneren Bibelübersetzungen schon mal mit "Gottesherrschaft" übersetzt: Aber auch da haben wir ja unser überkommenes Sprachproblem wie mit dem "Reich": Wir wollen ja keine Sklaven unter einem Herrn sein ... wir wollen keiner Herrschaft mehr dienen - 

 

Reich Gottes meint auch: Gott in mir: Face to Face - Ich in Gott - Gott in mir - in meiner alltäglichen Welt - Gott tritt in meinen Alltag ein - in mein Sosein - ehrlich und gewissenhaft - "herrlich" und gewissenhaft: Auge in Auge - nicht mehr Zahn um Zahn ... S!

 

 

Im Reich, wie er es sich vorstellt, gibt es keine Throne, keine
Höflinge, keine himmlischen Chöre, keine Schlachten führenden
Armeen mit Streitwagen, Schwertern, Lanzen. Statt dessen finden
wir die Landschaften, Werkzeuge und Bewohner des galiläischen
Landes und seines vom See geprägten Lebens vor. Das Reich ist
wie ein Acker. Das Reich ist wie ein Weinberg, in dem die
Tagelöhner von dem Besitzer gut und sogar großzügig behandelt
werden. Das Reich ist wie ein winziges Senfkorn, das zu einer
Pflanze heranwächst, die derart groß ist, dass Vögel in ihren
Zweigen brüten können. Oder: Jesus assoziiert das Reich mit dem
Fisch, dem Netz, dem Fang (Mt 13,47ff) und mit der Frau, die
ihrem Mehl Sauerteig zusetzt, um Brot zu backen (Mt 13,33; Lk
13,20f). Das Himmelreich gehört den Kindern und denen, die ihnen
gleichen, den Demütigen und denen, die Vertrauen haben (Mt 18,3f;
Mk 10,13ff par). Es gehört den Armen, während es für Reiche
schwieriger ist hineinzukommen als für ein Kamel, durch ein
Nadelöhr zu gehen; hineinzugelangen ist für sie also unmöglich.

 

Geza Vermes 1924-2013

war ein britischer Religionswissenschaftler, 
Theologe und Orientalist, der vor allem wegen seiner Arbeiten zu 
Jesus von Nazaret und den Schriftrollen vom Toten Meer bekannt wurde.

click here - eine kleine broschüre zu einer zeitgemäßen spiritualität - von S!NEDi

fürs blog recherchieren bildet

 

shiva und die kastanienfrucht

 

da war jetzt ein zusammentreffen verschiedener pole in meinem hirn: da war der 90. psalm den ich neulich in meinem blog verwendete - und bei der erstellung einer grafischen pixel-arbeit - der indische gott shiva ..., der mir zudem noch als indisches holzrelief von einer wand in meinem "atelier" zulächelt und tanzt ...

 

eigentlich habe ich zu wenig ahnung von der indischen götterwelt, als dass ich tatsächlich wüsste, ob es sich bei der androgynen figur in meinem holzrelief tatsächlich um shiva handelt - denn mein shiva hat als "mann" zwei weibliche brüste ...

 

wenn er schon androgyn dargestellt wird, ist er ikonographisch oft in der mitte in eine männliche und eine weibliche hälfte geteilt ... - diese brüste auf meinem shiva sind jedoch zwei gleichgeformte brüste - eindeutig weiblich - und doch wird er wohl vor lauter herumgetänzel gern in indien so androgyn dargestellt - vielleicht ist die figur aber auch eine seiner frauen, die seine attribute mit übernommen hat ...

 

im 90. psalm war ich so begeistert  von diesem demütigen wissen unseres menschlichen endes und wiedererstehens - auferstehung ganz einfach bereits erklärt: wir kehren "zurück" in den staub der erde - und gott ruft immer wieder neu neue menschen ins leben: also zwar sterben wir im einzelnen - als individuen - aber wie in der natur wachsen wie in einem bevölkerunge-frühling immer wieder neue menschen nach und bevölkern diese erde - ehe auch sie wieder wie herbstlaub herunterfallen und absterben und verrotten - und abermals neu - usw. usw.: - ein nicht endenwollender kreislauf, den uns gott geschenkt hat ... - und keine elektronik - keine app - keine algorithmen ...

 

und beim shiva beeindruckten mich seine widersprüchlichen attribute, die man ihm zuschreibt: der schöpfer, der erschaffer, der bewahrer    u n d    der zerstörer - alles in einem: und dann entdeckte ich für mich diese parallele zum gesang des 90. psalms: auch da wird vom zornigen und tobenden gott gesprochen -

 

denn auch er muss ja - je nachdem wo man in den kreislauf einsteigen will - zunächst freiräumen, ehe er neu ins leben ruft, und vor ihm sind ganze epochen wie ein tag - und unser jeweiliges individuelles leben ist wie die kurze saison im kreislauf eines kastanienbaumes vielleicht: ein grüner sprössling, eine dicke klebig-tropfende knospe, einen weißen kerzenartigen blütenstand treibend, ein bestäuben der blüte, das bilden einer frucht, mit einer neuen kastanie im kern, das welken der blätter, das abfallen der frucht mit dem aufprallen auf den boden, das einsenken der jungen kastanie in den boden, der keim aus der absterbenden alten kastanienhülle zu einem neuen kastanienpflänzchen, einem sprössling aus dem mal ein großer baum werden kann ...

 

solche ewig jung haltenden ineinandergreifenden kreisläufe schützen uns vor einer elenden vergreisung der erde, der man ja ihre milliarden jahre beim besten willen nicht ansieht - aber der "preis" dafür - aus unserer kleingeistigen individuellen ego-sicht heraus - besteht immer auch in einem absterben, in einem beenden, um im nächsten moment als etwas anderes nachwachsendes neu zu starten: rien ne va plus ...: alles ebenso einfach wie eben hochkomplex angelegt - und aus einer nicht unmittelbar beteiligten metaebene aus betrachtet: eine grandiose - geradezu "göttliche" idee ...

 

und das heißt aber auch, dass wir uns diesen "lieben gott" auch nicht nur in rosa wölkchen malen können: da muss rigoros individuelles leben zunächst zurücktreten und gar ausgelöscht werden, ehe er in ein neues leben beruft ... mit den uns geläufigen moralischen attributen von "lieber und guter gott" und "drohender/wütender/eifernder gott" hat das eben, aus einer höheren metaebene betrachtet, wenig zu tun - gott ist vor und in allem - ein "liebender" gott, der sich kümmert ...: wie shiva ist also unser gott in seinen weiblichen und männlichen anteilen relativ androgyn und in seinem "handeln" relativ paradox und widersprüchlich: als "sensemann" und totengräber und als gebährer und geburtshelfer, als erschaffer, als bewahrer und als zerstörer ... - also sooo exotisch ist die/der indische shiva gar nicht im vergleich mit meinem gott ...

 

und aus dieser schon oben angedeuteten metabene betrachtet nivelliert sich das was "gut" und "böse" ist für uns durch das uns eingepflanzte (noch) nicht kommerziell erschlossene "gewissen" in den relevanten augenblicks-entscheidungen - das "gewissen" als unser von gott im seelengrund eingebautes und versiegeltes ethisch-pädagogisch-moralisches augenblicks-navi (= gutes gewissen - schlechtes gewissen - das spüren wir deutlich, wenn wir in uns hineinhorchen)...

 

aber dieser umstand lässt dann eigentlich kein hadern zu mit gott - etwa vor seinem ausbleibenden eingreifen im vorfeld von "katastrophen" und "misslichkeiten", die oft genug durch pur-menschliche unzulänglichkeiten und menschliche hybris - menschliches imponiergehabe gegenüber gott - ausgelöst werden - die wir immer nur mit unserer individuellen ängstlichkeit beurteilen aus dem augenblick und aus unserer lebenssituation heraus bewerten können - durchaus gesund aber auch egoistisch am eigenen leben hangend: denn einer oben genannten kastanienfrucht geht unsere sorge und unser gezeter vor dem "wir schaffen das!" so was von an der "cupula" vorbei - und ein delphin etwa ist nach unseren maßstäben zwar "schlau" und verständigt sich sogar mit sprachähnlichen lauten mit seinesgleichen, zeigt "soziale" und "behütende" kompetenzen - eben so wie bei der aufzucht der eigenen nachkommenschaft - aber er weiß nicht einmal, was wasser ist - und dass er darin "schwimmt" ... S!


Nachschlag -

 

Ps 90 - nach: Die Schrift - Buber/Rosenzweig


1 Ein Gebet Mosches, des Mannes Gottes. Mein Herr, du bist, du Hag*) uns gewesen in Geschlecht um Geschlecht. 2 Eh die Berge wurden geboren, Erde kreißte und Welt, von Zeiten her bis in Zeiten Gottheit bist du. 3 Bis zum Mulm lässest den Menschen du kehren, und du sprichst: Kehrt zurück, Adamskinder! 4 - Denn tausend Jahre sind dir in den Augen wie der gestrige Tag, wenn er vorbeizog, oder eine Wache in der Nacht. - 5 Du ergießest sie, ein Schlaf ists, da sie werden, am Morgen treibts dann wie Gras: 6 das am Morgen blühte und trieb, am Abend erschlafft es und dorrt. 7 Ja, wir vergehen durch deinen Zorn, durch deinen Grimm sind wir verstört: 8 du stellst unsre Fehle dir gegenüber, unsern Hehl vor deines Antlitzes Leuchte. 9 Ja, in deinem Aufwallen wenden all unsre Tage, wir lassen unsre Jahre wie einen Seufzer vergehn. 10 Die Tage unsrer Jahre sind für sich siebzig Jahre, und wars in Kräften, sinds achtzig Jahre, und ihr Ungestüm ist Mühsal und Harm, wenns mäht, eilends, entfliegen wir. 11 Wer erkennt die Macht deines Zorns und, wie du zu fürchten bist, dein Überwallen! 12 Unsre Tage zu bestimmen, laß es recht kennen, daß ein Herz der Weisheit einkomme uns! 13 Kehre um, DU! bis wann! lasse es dir leid werden deiner Knechte! 14 Zum Morgen sättige mit deiner Huld uns, daß wir jubeln und uns erfreuen an all unsern Tagen. 15 Erfreue uns, den Tagen gleich, da du uns beugtest, den Jahren, da wir das Böse sahn. 16 Sichtbar werde deinen Knechten dein Wirken, dein Glanz über ihren Kindern! 17 Meines Herrn, unsres Gottes, Mildigkeit sei über uns! Das Tun unsrer Hände richte auf über uns, das Tun unsrer Hände, richte es auf!
 *) Ein Hag ist ein meist von einer Hecke eingehegtes bzw. eingefriedetes Gelände

 

Ps 104 (Buber/Rosenzweig)


1 Segne, meine Seele, IHN! DU, mein Gott, du bist sehr groß, bekleidet mit Hehre und Glanz, 2 der das Licht um sich schlingt wie ein Tuch, den Himmel wie einen Zeltteppich spannt. 3 Er, der im Wasser seine Hochgemächer bälkt, er, der Gewölk sich als Fahrzeug setzt, er, der auf Fittichen des Winds sich ergeht, 4 der zu seinen Boten die Winde macht, zu ihm Amtenden loderndes Feuer, 5 er hat auf ihre Festen die Erde gegründet, sie wankt in Zeit und Ewigkeit nie. 6 Der Urwirbel, wie mit einem Kleid bedecktest du ihn. Über den Bergen standen die Wasser, 7 vor deinem Schelten sind sie geflohn, vorm Laut deines Donners enthastet, 8 haben Berge erstiegen, sind in Täler gesunken, an den Ort, den du gründetest ihnen. 9 Du hast ihnen die Schranke gesetzt, die überschreiten sie nie, kehren nie wieder, die Erde zu decken. 10 Du, der Quellen schickt in die Bäche - zwischen Bergen gehen sie hin, 11 tränken alles Getier des Feldes, Wildesel stillen ihren Durst, 12 dran wohnt das Geflügel des Himmels, zwischen dem Gezweig her geben sie Laut - , 13 der aus seinen Hochgemächern die Berge tränkt, von deiner Werke Frucht ersattet die Erde. 14 Der für das Vieh Gras sprießen läßt, für des Menschen Ackerdienst Kraut, aus der Erde Brot zu holen 15 und Wein, der das Herz der Leute erfreut, mehr als von Öl schimmern läßt das Antlitz, aber Brot labt das Herz der Leute. 16 Gesättigt werden SEINE Bäume, die Zedern des Libanon, die er gepflanzt hat, 17 worin Vögel nisten: der Storch, sein Haus sind Wacholder. 18 Berge - für die Steinböcke sind die hohen, Klüfte sind der Klippdachse Schutz. 19 Der den Mond gemacht hat für Gezeiten, die Sonne, die ihren Untergang kennt, 20 bringst Finsternis du, und wird Nacht, regt sich drin alles Waldgetier: 21 die Jungleuen brüllen nach Raub, vom Gottherrn ihre Nahrung zu fordern, - 22 strahlt die Sonne auf, ziehen sie heim, lagern sich in ihre Gehege, 23 hervor kommt, an seine Arbeit, der Mensch, an seinen Dienst bis zum Abend. 24 Wie viel sind deine Werke, DU! alle hast du mit Weisheit gewirkt, Deiner Stiftung voll ist die Erde. 25 Das Meer da, groß, breit zuhanden, ein Gerege ist dort ohne Zahl, kleine Tiere mit großen, - 26 dort, wo sich Schiffe ergehen, ist der Lindwurm, den du bildetest, darin zu spielen. 27 Sie alle warten auf dich, ihre Nahrung zu geben zu deren Stunde. 28 Du gibst ihnen, sie lesen auf, du öffnest deine Hand, sie ersatten an Gutem. 29 Du birgst dein Antlitz, sie werden verstört, du ziehst ihren Geist ein, sie verscheiden und kehren zu ihrem Staub. 30 Du schickst deinen Geist aus, sie sind erschaffen und du erneuerst das Antlitz des Bodens. 31 Auf Weltzeit sei SEINE Ehre, ER freue sich seiner Werke: 32 der zur Erde blickt und sie zittert, an die Berge rührt und sie rauchen! 33 In meinem Leben will ich IHM singen, wann ich noch da bin harfen meinem Gott. 34 Angenehm sei ihm mein Bericht! ich aber, ich freue mich an IHM. 35 Möchten die Sünder vom Erdreich hinweg, der Frevler keiner mehr sein! Segne, meine Seele, IHN! Preiset oh Ihn!

Unsere Vorstellung, Gott sei ‚allmächtig‘, führt in die Irre.

 

Beweist nicht der Alltag unseres Lebens das Gegenteil? Das klassisches Glaubensbekenntnis sagt zwar in der
ersten Zeile: „Ich glaube an Gott den Vater den Allmächtigen“. Doch das stürzt jeden frommen Menschen in tiefe Zweifel. Hier hilft nur der Hinweis: Da wurde etwas falsch übersetzt; denn im griechischen Urtext heißt es ‚Pantokrator‘, ‚Weltenherrscher‘.

 

Es scheint, als seien die lateinischen Kirchenvätern ihrem Machthunger zum Opfer gefallen und ihren Männerphantasien, als sie aus dem ‚Weltenherrscher‘ den Alleskönner, den ‚omnipotens‘ machten.

 

Doch es geht nicht darum, dass Gott alles kann, sondern dass er in allem gegenwärtig ist, auch in der Not. Der Islam spricht her von Gott, dem „Allerbarmer“. Die Wahrheit liegt darin: Gottes Menschlichkeit wirkt im Verborgenen. Geben wir das wenige, was wir haben, und hoffen wir auf die Verwandlung der Welt. 

 

... nach Dr. theol. Gerhart Herold

Gesellschaft für eine Glaubensreform e.V.

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Wir wollen in Kirchen leben, 

 

  • die ihre Freiheit im selbstkritischen Umgang mit Bibel und Bekenntnisschriften bzw. Dogmen bezeugen,
  • die das Verständnis des Abendmahls / der Eucharistie als Sühneopfermahl aufgeben und Gott aus diesem Pakt mit tödlicher Gewalt endlich herausnehmen,
  • die nicht nur die „abrahamitischen“, sondern auch die anderen Religionen mit dem einen Gott verbinden und nicht mehr „Heiden“ nennen, 
  • das Verhältnis zur modernen Naturwissenschaft neu regeln, um das Verständnis von Schöpfung erweitern zu können, 
  • die Mystik als Glaubensweg ernstnehmen

und den Mut haben, Fundamentalismus und Biblizismus, durch die immer noch unzählige Menschen unfrei gemacht und geängstigt werden, eine klare Absage zu erteilen.


Solche Reformschritte verstehen wir unter einer Glaubensreform. Unser Ziel ist es, den durch Traditionalismus und Machtstrukturen verlorenen Lebensbezug des Glaubens wieder herzustellen,mit neuer und kritischer Energie der Spur zu folgen, die die Jesus-Überlieferung als eine Art Schnittmenge aus Evangelien und anderen Spiegelungen bereit hält. Denn sie ist von der „apostolischen Tradition“ in vielen Bereichen gerade jenen religiösen Denkstrukturen wieder angepasst worden, die Jesus überwunden hatte. Die von Jesus gelebte Freiheit im Glauben hatte mit dem Grundsatz zu tun: Menschen sind nicht für die Religion da, sondern Glaube und Religion haben dem Leben zu dienen (Markus 2, 27), Leiden zu lindern (Matthäus 25, 40.45) oder zu heilen (Lukas 9, 1-6) und eine mit dem herrscherlichen Gottesbild verbundene lebensfeindliche Gesellschaftsstruktur zu bekämpfen. Wo das geschieht, ist die Gestalt der Kirche sekundär (Lukas 9, 49-50). Gerade weil es so viel Leid in der evolutionär-kreatürlichen Welt gibt, ist seit Jesus der Dienst an Menschen und Tieren (Matthäus 12,11f) und ihrer je eigenen Würde der zentrale Gottesdienst. Und weil es schwer ist, gut zu sein, ist es das „Gesetz Christi“, sich gegenseitig zu helfen (Galater 6,2), Schuld zu vergeben und so einander Christus zu sein (Johannes 20, 21-23). Herrschaftsansprüche über Menschen, und die alte Schreckensherrschaft der Menschen über Tiere (Genesis 9,2), gehören nicht (mehr) zum „Reich Gottes“ Jesu.

 

Deshalb treten wir dafür ein, dass 

 

  • „die historisch-kritische Erforschung der Bibel … entschieden fortgeführt und durch eine theologische Kritik unserer Überlieferungen ergänzt wird;
  • die in den Gemeinden existierenden Probleme mit der traditionellen Glaubens- und Gottes¬dienstgestalt auch von den kirchlichen Institutionen selbst erfragt, angesprochen und (ergebnisoffen) diskutiert werden;
  • Überlieferungen wie die Sühnetheologie, die Jesu Verkündigung verdecken, im kirchlichen Unterricht und Gottesdienst nicht mehr unkritisch bzw. unkommentiert verwendet“ und die kirchlichen Lesungen und Lieder völlig neu ausgewählt werden;
  • „die Bibelauslegung im Rahmen der Religionsgeschichte und des heutigen Bildungswissens erfolgt, zu dem zum Beispiel Evolutionstheorie und Quantenphysik gehören“;
  • den Gemeinden vermittelt werden kann, „welche Glaubensschätze nichtbiblische Religionen in ihren Überlieferungen aufbewahren, die auch für uns von Bedeutung sind";
  • "die Perspektive von Frauen gleichrangig mit der traditionell männlichen Perspektive in der Theologie gesehen und Frauen in christlichen Kirchen grundsätzlich Zugang zu allen Ämtern eröffnet wird …“;
  • „allen Geschöpfen Gottes eine unverlierbare Würde und Gottesbeziehung zugesprochen wird“;
  • „Kirchengemeinden dazu ermutigt (werden), ökumenische Gastmähler zu veranstalten, die an die Mahlfeiern Jesu anknüpfen und niemanden ausschließen, der daran teilnehmen möchte“;
  • an möglichst vielen Orten ein „Haus der Religionen“ gegründet wird, in dem sich die am Ort vertretenen Religionen selbst darstellen und gegenseitig kennenlernen können. (Zitate aus der Satzung)

 

Wir freuen uns auf Ihre Unterstützung!


Kontaktanschrift über Post: Gesellschaft für eine Glaubensreform e. V., Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns, Waldstr. 17, 82335 Berg 
Kontakt über info(at)glaubensreform(dot)de .

Spendenkonto:
Kont-Nr.: 4729463
Bank: VR-Bank Starnberg 
BLZ: 70093200
IBAN: DE71700932000004729463
BIC:  GENODEF1STH

 

Eine Spendenbescheinigung wird erteilt, da wir vom Finanzamt Fürstenfeldbruck mit der vorläufigen Bescheinigung vom 13.11.2012 als gemeinnützigen Zwecken dienend anerkannt worden sind.

Ökumenische Initiative Reich Gottes - jetzt!

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Positionspapier der

Ökumenischen Initiative Reich Gottes – jetzt!


1.      Wir wünschen uns eine Reform der Kirchen auf der Basis der Reich-Gottes-Botschaft des Jesus von Nazaret.

2.      Wir möchten erreichen und dazu beitragen, dass unsere Kirchen sich auf ihre jesuanischen Wurzeln zurückbesinnen.

3.      Wir glauben, dass in der Botschaft Jesu Heilung und Befreiung liegen. Er hat diese Botschaft konsequent gelebt. Seine Hinrichtung am Kreuz hat nicht verhindern können, dass seine Botschaft vom Reich Gottes weiterlebt.

4.      Zentrale Inhalte seiner Botschaft sind:

Das Reich Gottes ist angebrochen.
Die Erde ist im Begriff zum „Himmel“ zu werden.
Es geht um diese Welt und dieses Leben.
Es gilt, in allem dem Reich Gottes zu entsprechen.
5.      Daraus folgt für uns:

Die Welt ist von ihrer Anlage her „sehr gut“, heilig, das heißt, sie gehört Gott.
Alles, was wir brauchen, um die Welt zu gestalten, ist uns schon gegeben.
Wir müssen nicht resignieren, sondern wir glauben, dass Lebensfeindlichkeit und Stagnation überwunden werden können.
Wir können Jesu befreiender Botschaft in unserem Leben Raum geben und so in unserer Welt für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung wirken.
6.      Die wichtigsten ethischen Folgerungen aus dem Reich-Gottes-Glauben bestehen für uns in Einfachheit und in der Ehrfurcht vor allem Leben.

7.      Wir erwarten, dass diese Botschaft vom Reich Gottes in den Kirchen als legitimer Ausdruck jesuanischen Glaubens anerkannt wird und liturgisch gefeiert werden kann.

8.      In den traditionellen Glaubensbekenntnissen und in der überkommenen Liturgie des Abendmahls bzw. der Eucharistie hat der Reich-Gottes-Glauben keinen Ausdruck gefunden.

9.      Es muss daher in unseren Kirchen Platz sein, unseren Glauben an das Reich Gottes zu bekennen und zu feiern.

10.   Wir laden zum Gespräch über unsere Thesen und zur Mitarbeit im Reich Gottes ein.

 

Kontakt
c/o Pfarrer Dr. Claus Petersen
Tel.: (09 11) 9 35 08 29

E-Mail: clauspetersen@gmx.net

 

 

siehe dazu auch diesen Link:

 



Wir glauben an den einen Gott,
der Himmel und Erde geschaffen hat
und uns Menschen zu seinem Bild.
Er hat Israel erwählt,
ihm die Gebote gegeben
und seinen Bund aufgerichtet
zum Segen für alle Völker.

Wir glauben an Jesus von Nazareth,
den Sohn der Maria, den Christus Gottes.
Mit ihm kam Gottes Liebe 
zu allen Menschen,
heilsam, tröstlich und herausfordernd.
Er wurde gekreuzigt unter Pontius Pilatus,
aber Gott hat ihn auferweckt
nach seiner Verheißung,
uns zur Rettung und zum Heil.

Wir glauben an den Heiligen Geist,
der in Worten und Zeichen an uns wirkt.
Er führt uns zusammen
aus der Vielfalt des Glaubens,
damit Gottes Volk werde aus allen Völkern,
befreit von Schuld und Sünde,
berufen zum Leben in Gerechtigkeit und Frieden.
Mit der ganzen Schöpfung hoffen wir
auf das Kommen des Reiches Gottes.

Amen.

(Als Credo, bei dem das von Halbfas konstatierte „Loch“ zumindest teilweise aufgefüllt ist, verweise ich auf diesen Text, den ich im EG Kurhessen-Waldeck gefunden und in meiner früheren Gemeinde immer einmal statt des Apostolicums habe sprechen lassen ...)

 

 

Jesuanische Wende als Hoffnung für

 

die Kirchen
 

Zur Schrift von Hubertus Halbfas, „Glaubensverlust. Warum sich das Christentum neu erfinden muss“, Patmos Verlag 2011

Eckart Emrich, Zweibrücken - Pfälzisches Pfarrerblatt

 

 

Hubertus Halbfas: Glaubensverlust,
Buchcover, Patmos

Aufmerksam wurde ich auf dies Buch, als ich in meinem Jahresbegleiter für 2014 „Weltverbunden leben“ just für den Reformationstag den folgenden Abschnitt daraus zitiert fand: „Die Wahrheit eines Christentums, das der Reich-Gottes-Verkündigung Jesu folgt, ist aus sich überzeugend. Diese Wahrheit muss nicht geglaubt, nicht bewiesen und nicht verteidigt werden. Sich auf sie einzulassen, verlangt kein Verstandesopfer, sondern Sensibilität, Mitmenschlichkeit und Mitgefühl für alles Leben. Das Christentum, das sich in dieser Rückbesinnung auf die Reich-Gottes-Thematik zu sich selbst bekehrt, ist eine Größe, die sich heute selbst noch nicht kennt. Der Weg zu dieser Selbstfindung wird schwer und irritierend sein, weil damit auf viel Zubehör, das sich in zweitausend Jahren angesammelt und Patina angesetzt hat, aus Notwendigkeit und Einsicht verzichtet wird.“ (S.29) – Sätze, die mich vor Freude durchatmen und das Buch gleich bestellen ließen!

Hubertus Halbfas, jetzt 82, war Professor für Katholische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen. Für Protestanten ist er auch deshalb ein besonders glaubwürdiger Gesprächspartner, weil er seit den 60er Jahren konstant dafür eintritt, dass Kirche die Ergebnisse der historisch-kritischen Bibelforschung keinesfalls totschweigen, sondern sie pädagogisch effizient der jungen Generation vermitteln soll. Hierfür nahm er den Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis in Kauf, und ließ sich danach auf eigenen Antrag auch wieder laisieren.

Die zwölf Kapitel auf 120 Seiten haben meine Vorfreude gerechtfertigt. Zunächst gebe ich einen

Überblick über die Inhalte

Anfangs umreißt Halbfas die gegenwärtige Glaubenskrise, wie sie für Deutschland in den Shell-Jugendstudien von 2000 und 2010 erfasst ist. Sein Befund: Die Glaubensinhalte verdunsten in allen Generationen, weil die traditionelle Glaubenssprache („verkalkt, abgestanden, verschlissen“; 16) nicht mehr verstanden wird. Dem ist mit kosmetischen Maßnahmen nicht mehr beizukommen.

Kapitel III erläutert die grundlegende These: „Die Wahrheit des Evangeliums Jesu ist etwas anderes als die Wahrheit einer Glaubenslehre.“ Hier macht Halbfas aufmerksam auf das „Loch im Glaubensbekenntnis“, d.h. dass in den zentralen Bekenntnisformulierungen der Kirche das irdische Wirken Jesu überhaupt nicht vorkommt, sondern ersetzt ist „durch Christusdeutungen“ (18). Diese Verdrängung des historischen Jesus folgt der Glaubenslehre des Paulus, für den (nach seiner visionären Bekehrungserfahrung) nur noch Jesu Kreuzestod und Auferstehung wichtig scheinen. Damit erfährt „das Wort Evangelium (...) eine vollständige Bedeutungsverschiebung. An die Stelle der Reich-Gottes-Botschaft Jesu tritt die Verkündigung des Gekreuzigten und Auferstandenen“(21). Paulus spricht denn auch mehrfach von „meinem Evangelium“ (22), dessen Kennzeichen die Forderung ist, dass Christen den Kreuzestod und die Auferstehung Christi für die eigene Person  gläubig annehmen. Damit ist die Scheidung der Menschheit in Glaubende und Nichtglaubende gesetzt – für Zeit und Ewigkeit...

Im Kontrast dazu sieht Halbfas Jesu ursprüngliche Gottesbotschaft als egalitär, verkörpert in der „provokanten offenen Tischgemeinschaft, die Symbol und Realisation seiner Lehre war“. Denn das Reich Gottes sei für ihn „keine jenseitige Welt“ gewesen, „sondern eine Lebensweise in der Welt der Menschen“ (19). Dieses Verständnis sei am klarsten in jenen Schriften erhalten, „die im palästinischen Bereich entstanden sind: die Spruchquelle Q und das Thomasevangelium. Diese Evangelien tradieren die Reich-Gottes-Verkündigung Jesu, in der es keines Sühnetodes bedarf, um die Menschen mit Gott zu versöhnen“ (22). Damit sei das Evangelium Jesu „im eigentlichen Sinne (...) keine Lehre, sondern ein Lebensmodus, der nicht argumentativ bewiesen werden muss, weil er seine Überzeugungskraft aus sich selbst besitzt“ (23).

Paulus jedoch habe diese Lebensweise gegen eine theologische Lehre eingetauscht, und da jede Lehre Gegenmeinungen hervorruft, „nimmt das Interpretieren, Räsonnieren, Verpflichten und Verketzern kein Ende“ (23). Weitere Stationen auf dem unheilvollen Weg der Dogmenbildung folgen vor allem nach der Konstantinischen Wende, die der Kirche seit 312 Reichsgeltung verschafft und in der Folge dazu führt, dass mörderische Verfolgungen nun im Namen der christlichen Lehre erfolgen – eine unheilvolle Umkehrung der Rollen! Instrument dabei ist das Kirchenrecht, der Codex Iuris Canonici, der die Ummünzung dogmatischer Setzungen in juristische Verfolgungspraxis ermöglicht, institutionalisiert in der „Heiligen Inquisition“, die im Vatikan weiter fortbesteht unter dem Namen „Glaubenskongregation“.

Halbfas zitiert zustimmend den italienischen Philosophen Gianni Vattimo: „Die einzige uns durch die Heilige Schrift offenbarte Wahrheit, die im Laufe der Zeit keinerlei Mythisierung erfahren kann (...), ist die Wahrheit der Liebe“ (26f). Er selbst urteilt: Das „Christentum des Codex Iuris Canonici, dessen Recht nicht einmal die Persönlichkeitsrechte respektiert, wie sie vor weltlichen Gerichten gelten, (...) dieses Christentum ist zu keiner Zeit das Salz der Erde, die Stadt auf dem Berge, das Licht der Welt gewesen.“(27)

Kapitel IV, „Die Sprache des Glaubens verhindert Glauben“, ist dem katholischen „Weltkatechismus“ gewidmet, dessen Erarbeitung 1985, also 20 Jahre nach dem Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils, durch Papst Johannes Paul II. mittels einer Bischofssynode angestoßen und in der Folge unter der Leitung von Kardinal Joseph Ratzinger, damals Präfekt der Glaubenskongregation, erstellt wurde. Er sollte die Grundlage einer neuen Weltevangelisation sein, hat sich aber laut Halbfas als wirkungslos erwiesen, denn: er entfaltet nicht wirklich das geschichtliche Leben Jesu, ignoriert auch weiterhin die Erkenntnisse der (seit 1964/Vaticanum II immerhin auch in der Katholischen Kirche verbal anerkannten!) historisch-kritischen Bibelexegese weitestgehend, und folgt dafür gemäß alter Tradition mit den sogenannten „Mysterien des Lebens Christi“ dem liturgischen Kirchenjahr. Auch sonst bemüht er sich, die geschichtlich entstandenen Dogmen als unanfechtbar darzustellen (z.B. Mariologie, Ineinssetzung von Reich Gottes und Kirche). Halbfas urteilt daher abschließend: „Der Weltkatechismus der römischen Glaubensbehörde verrät angesichts des Standes heutiger Theologie kein sauberes Denken und zeigt, dass es in dieser Institution Vermögen und Freiheit für solche Vermittlung nicht gibt“ (38).

Nicht nur die Glaubenssprache, auch die liturgische Praxis sei „in (...) Formelhaftigkeit erstarrt“, beklagt Kapitel V „Unerkannter Austausch“ am Beispiel der Eucharistiefeier. Hatte Jesus seine Reich-Gottes-Verkündigung durch die Praxis einer offenen Tischgemeinschaft symbolisch wirksam unterstrichen, so erfolgte bald nach seinem Tod in den hellenistischen Städten eine „Einschnürung und Umdeutung“ (41), wobei auch hier wieder Paulus entscheidend formuliert: Die Mahlfeier soll vor allem den Tod Jesu verkündigen, der „für unsere Sünden“ gestorben ist. „Was aber das Leben Jesu bestimmte, blendet er aus. Das ‚Loch’ im Glaubensbekenntnis hat hier seinen Ansatz“ (42). Außerdem konstatiert Halbfas, dass die sogenannten Einsetzungsworte zum Abendmahl anachronistisch formuliert sind und mit Sicherheit nicht von Jesus stammen, sondern „ihm aus anderen Denkhorizonten einer bereits kultisch gewordenen Praxis in den Mund gelegt“ wurden (41). Daraus entwickelte sich nach der platonischen Denkfigur von Urbild und Abbild die Vorstellung einer realen Gegenwart Jesu in der Eucharistie. Und der Zelebrant, der diese Wesensverwandlung von Brot und Wein durch die „konsekratorischen“ Worte vollzog, wurde dadurch über alle anderen Teilnehmer erhoben (42).  Zusammenfassend plädiert Halbfas zur Rückkehr zum historischen Jesus und seiner egalitären Mahlpraxis, die „den Willen Gottes in den Alltag dieser Welt einschreibt“ (45).

Kapitel VI ist überschrieben in Anlehnung an Nietzsche: „Jesus starb, wie er lebte, wie er lehrte – nicht um die Menschen zu erlösen, sondern um zu zeigen, wie man zu leben hat.“ Somit ist die Deutung seines Todes als Sühnopfer durch Paulus „schwach fundiert“, und man kann sie auch „religionsgeschichtlich (...) nur als Rückschritt verstehen“ (48f). Jesus fordert nirgendwo Sühne, sondern Einsicht und Umkehr. Gegenüber dem alttestamentlichen Opferbetrieb der Priester steht er in der Linie der Propheten, die „verlangten (...), die eigenen Beziehungen zu den Mitmenschen und zu Gott zu läutern (52). Gefragt sind Liebe und Barmherzigkeit, der Sühnopfergedanke dagegen belastet und verzerrt das Gottesbild (50).


Kapitel VII „Die Gottesbotschaft Jesu ist egalitär. Sie sprengt alle Trennungen und führt in die Völkerwelt“ unterstreicht, wie es Jesus kaum um Juden oder Nichtjuden geht, „sondern generell um Menschen (58). Im Sinn der Goldenen Regel argumentiert Jesus allgemein-menschlich, so z.B. in den großen Gleichnissen vom Samariter oder vom Verlorenen Sohn. „Für den Erzähler und Weisheitslehrer Jesus ist Gott eingeschrieben in die Alltäglichkeit des menschlichen Lebens. Damit sei (mit dem katholischen Neutestamentler Paul Hoffmann) „letztlich jedem Erwählungsglauben der Abschied gegeben“ (59).

In den beiden folgenden Kapiteln geht es Halbfas um Verständigung mit den außertheologischen Wissenschaften: VIII „Theologie ist Anthropologie. ‚Gott’ verstehen wir nur soweit, als wir uns selbst in der von uns begriffenen Welt verstehen“ (63ff), und IX „Das neuzeitliche Denken 'kennt keine Fakten, die zwar in der Geschichte stehen, aber nicht aus der Geschichte stammen'“ (mit Ernst Troeltsch, S.74ff).

Auf Basis dieser Darlegungen folgt mit Kapitel X „Wahrheit verlangt Wahrhaftigkeit“ nochmals massiv die Abrechnung mit der (vor allem katholischen) „Unredlichkeit im Umgang mit der Lehre“, die im „Machtwille(n) zur Absicherung einer Weltansicht“ wurzle und „der vielleicht wichtigste Grund für die Glaubenskrise“ sei (80). Die protestantische Bibelexegese kommt hier natürlich gut weg, zu den Ethik-Themen Sexualität und Ehe allerdings findet Halbfas, die evangelische Kirche habe sich da nicht genügend von der katholischen distanziert und sei damit gleichermaßen vom Vertrauensverlust betroffen (91).

Im vorletzten Kapitel XI „Reformunwillig und reformunfähig?“ beleuchtet Halbfas noch einmal kritisch die negative Langzeitwirkung des Pontifikats von Johannes Paul II. (erst kürzlich heilig gesprochen!) sowie auch von Benedikt XVI.. Seine düstere Analyse mündet in den Satz: „Doch ohne Systembruch gibt es kein Überleben“(100). – Die Ablösung von Benedikt durch Franziskus erfolgte erst nach Erscheinen des Buches.

Kapitel XII „Wege aus der Sackgasse“ bewegt sich naturgemäß in Andeutungen. Auch für Protestanten interessant sind die Hinweise auf das Erzbistum Poitiers in Frankreich, wo Erzbischof Albert Rouet seit über zehn Jahren sehr ungewöhnliche Wege begeht. Angesichts des katastrophalen Priestermangels setzt er entschieden auf das Potential der Laien. In Abkehr vom Modell Pfarrgemeinde (die ja immer riesiger definiert wird) wird die Gründung von Örtlichen Gemeinden freigegeben. Bedingung sind dabei fünf Verantwortliche, die die leitende Equipe bilden und alle wesentlichen Funktionen einer christlichen Gemeinde zu organisieren haben. Folge: „Im Erzbistum Poitiers wird in jeder örtlichen Gemeinde jeden Sonntag Gottesdienst gefeiert“ (111). – In diesem Zusammenhang appelliert Halbfas: „Die reformatorischen Kirchen würden der Catholica im Übrigen erhebliche Hilfe entgegenbringen, wenn sie ihrerseits weniger ‚Pastorenkirche’ wären“ (112).

Weitere Anregungen sind: In die Gottesdienste meditative Elemente einbauen; eine Gebetssprache, die nicht länger Gott einen Bittenkatalog vorträgt, sondern zum eigenen Engagement anleitet. Abendmahlsfeiern gestalten, die von der bisherigen Anlehnung an das vermeintlich „letzte Abendmahl“ (sowohl evangelisch als katholisch) abgehen und sich stattdessen an der offenen Tischgemeinschaft Jesu als Symbol des Reiches Gottes orientieren. Und: Die Christologie neu entdecken als Entwurf einer allgemeinen Anthropologie, in Anlehnung an den Mystiker Meister Eckhart.


Die Relevanz des Halbfas'schen Entwurfs am Beispiel des Reformationsjubiläums

Was erwartet uns im Thesen-Jubiläumsjahr 2017? Ich bin, zumal als Ruheständler, nicht in Vorbereitungs-Aktivitäten eingebunden. Aber was ich bisher aus der Distanz mitbekomme, erweckt nicht gerade eine Vorfreude auf richtungsweisende Neuentdeckungen, sondern eher die Furcht vor gequälten Pflichtübungen, die nichts nachhaltig voran bringen.

Hier bieten Halbfas' Analysen zur Glaubenskrise der Gegenwart m.E. wichtige Ansatzpunkte. Die Bedeutungsverschiebung des Begriffs „Evangelium“ von Jesu befreiender, von charismatischem Handeln begleiteter Reich-Gottes-Botschaft hin zur Theologie des Paulus, die nur noch um Kreuz und Auferstehung kreist, kommt mir in der Tat enorm vor – zumal die paulinische Theologie mit Sicherheit auch auf die Gestaltung der Evangelien sowie deren Rezeption erheblichen Einfluss genommen hat, ähnlich wie im AT die in der Josia-Zeit dominant gewordene deuteronomistische Theologie auch ex post die Endredaktion der „Geschichtsbücher“ ab Exodus geprägt hat. – Halbfas konstatiert (S. 21): „Von den rund 620 Seiten der Bultmannschen ‚Theologie des Neuen Testaments’ sind nur 34 Seiten Jesus und seiner Lehre gewidmet, alles Übrige ist paulinische Theologie.“ Dem entspricht Martin Kählers Charakterisierung des Markus-Evangliums als „Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung“. Von daher könnte man das Verständnis des Neuen Testaments bis heute durchaus „pauluslastig“ nennen.

Und Martin Luther ist natürlich von der so verstandenen christlichen Glaubenslehre geprägt – und zwar einschließlich seiner reformatorischen Entdeckung der Rechtfertigung sola fide! Seither sind die reformatorischen Kirchen zwar von den Auswüchsen des katholischen Bußinstituts befreit – aber an der Last des „Wir sind allzumal Sünder...“ (Röm 3,23) tragen wir noch heute (fast) alle.

Die Gegenüberstellung von „pauluslastig“ vs. „jesusgemäß“ vermag ich in all ihren Konsequenzen gewiss nicht zu umreißen. Hinweisen möchte ich nur auf die Dominanz des Individualismus als Folge der paulinischen Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben – im Gegensatz zur kollektiven Glaubens- und Lebensfreude etwa in lateinamerikanischen Basisgemeinden. Als Kostprobe empfehle ich das Abendmahlslied EG 229 „Kommt mit Gaben und Lobgesang“ aus Jamaica, zu begleiten möglichst nicht mit Orgel, sondern mit Gitarren und Schlagzeug, und den Kehrvers jeweils wiederholt.

Kardinal Marx hat kürzlich gemeint, die getrennten Kirchen könnten 2017 vielleicht doch gemeinsam feiern – dann aber kein Luther-Fest, sondern ein Christus-Fest. Ich erlaube mir die Modifikation: Ein Jesus-Fest! Beziehungsweise, weil die verbleibende Zeit gewiss nicht ausreichen wird, all das in zweitausend Jahren angesammelte „Zubehör“ samt angesetzter Patina zu entsorgen (siehe das eingangs angeführte Halbfas-Zitat, S.29) – wie wäre es, wenn man sich darauf einigen könnte, sich gemeinsam auf den Weg zu einer jesusgemäßen Kirche zu begeben und das Jahr 2017 darin einzubeziehen?! Ich denke, das wäre der Anfang zu einer neuen, so weit wie möglich gemeinsamen Reformation!

Pfälzisches Pfarrerblatt