INFO-STATION "Familiengeheimnisse & 'Euthanasie'" - Das würdelose Verschweigen letztendlich durchbrechen ...

Wegzeichen

 

Wo noch Lügen liegen
wie unbegrabene Leichen
dort ist der Weg der Wahrheit
nicht leicht zu erkennen
und einige sträuben sich noch 
oder finden ihn zu gefährlich

 

Die Wahrheit dringt vor
und schickt zugleich ihre Sucher
in die Geschichte zurück
und beginnt aufzuräumen
mit den Verleumdungen
und mit dem Totschweigen der Toten

 

Vieles wird wehtun
manches verlegen machen
aber die Wahrheit ist
der Weg der Notwendigkeit
wenn das Reich der Freiheit nicht wieder
nur ein leeres Wort bleiben soll
und nur ein Gespött
für Feinde und für Enttäuschte

 

Erich Fried

wo noch lügen liegen wie unbegrabene leichen - dort ist der weg der wahrheit nicht leicht zu erkennen ...

Lebensläufe haben ein langes Gedächtnis. Persönliche Biographien ebenso wie die gemeinsame Geschichte. Was sich an Erfahrungen in ihnen aufbewahrt, kann im Laufe der Zeit überlagert, vertuscht, verdrängt oder totgeschwiegen, nicht aber ungeschehen gemacht werden.  

Erinnern ist mehr als bloßes zur Kenntnis nehmen. Wer sich erinnert oder erinnert wird, dem werden Ereignisse und Erfahrungen persönlicher und kollektiver Vergangenheit ins Gedächtnis gerufen, seien sie freudvoll oder schmerzlich. 

 

Er-innern, so sagt es das Wort, geht uns innerlich an, es betrifft uns. Manches Erinnern erfordert Mut und Beharrlichkeit. Manches Erinnern ist eine Pflicht, die uns der Wille zur Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit gegenüber Schuld und Versagen auferlegt. ...

 

„Das Denken an vergangene Angelegenheiten“, schreibt Hannah Arendt, „bedeutet für menschliche Wesen, sich in die Dimension der Tiefe zu begeben, Wurzeln zu schlagen und so sich selbst zu stabilisieren, so daß man nicht bei allem Möglichen – dem Zeitgeist, der Geschichte oder einfach der Versuchung – hinweggeschwemmt wird“.

 

Dr. Hartmut Traub, Auszug aus dem Redemanuskript zur Gedenkfeier für die Opfer der NS-"Euthanasie" am 27.01. 2017 im Deutschen Bundestag

 

Familiengeheimnisse

  1. NS-"Euthanasie": Das Familiengeheimnis um Friedrich Crusius - tagesthemen-Beitrag (Video) - Crusius-Kurzbiographie
  2. Sacha Batthyany - und das Geheimnis in seiner weitläufigen Familie - über Generationen hinweg ...
  3. Lyrik per Audio: Annemarie Zornack
  4. Meine persönliche Ausgangslage: Erforschung der Opferbiographie meiner Tante Erna Kronshage | Lokalzeit OWL-Beitrag (Video)
  5. SWR "tandem"-Audio-Sendung "Familiengeheimnisse - Schleichends Gift für Generationen ?"
  6. Interview mit Rosemarie Welter-Enderlin
  7. Interview mit Sigrid Falkenstein - "Anna Lehnkering"
  8. Tabus in der Familie - Literatur
  9. Willkommenskultur als Vergangenheitsbewältigung - Kolumne
  10. Familienaufstellungen
  11. Angst & Panikattacken
  12. Andreas Hechler zu seiner Ur-Großmutter
  13. Der lange Atem von Scham & Schuld | Familiengeheimnis der Familie Frick | SWR
  14. PAKH-Flyer und DLF-Dossier zum Thema

1. NS-"Euthanasie": Das Familiengeheimnis um Friedrich Crusius

tagesthemen-Beitrag vom 18. 01. 2015 | von Rüdiger Kronthaler

NS-"Euthanasie" | Vor 75 Jahren begann das systematische Morden

Friedrich Crusius - nach einem Still aus dem ARD-tagesthemen-Video
Friedrich Crusius 

(vollständiger Name Friedrich Alfred Ernst Alexis Crusius , * 15. August 1897 in Tübingen; † 8. März 1941 in Linz) war ein deutscher Klassischer Philologe und Gymnasiallehrer.
 
Crusius war das dritte Kind und der zweite Sohn des Klassischen Philologen und Universitätsprofessors Otto Crusius (1857–1918) und seiner Ehefrau Elisabeth Dorothea Franziska, geborene von Bihl (1858–1939). Er wuchs zusammen mit seinen älteren Geschwistern Elisabeth (1886–1970) und Otto Eduard (1892–1965) in Tübingen, Heidelberg (1898–1903) und München (ab 1903) auf, wo sein Vater Lehrstuhlinhaber für Griechische Philologie war. In München besuchte Friedrich Crusius das Wilhelmsgymnasium. Nach der Reifeprüfung (1915) und Teilnahme am Ersten Weltkrieg studierte er wie sein Vater Klassische Philologie und wurde Anfang 1926 zum Dr. phil. promoviert. Er arbeitete als Hauslehrer in Diursholm/Schweden und Berlin und ab 1933 als Gymnasiallehrer in Ingolstadt. Mit seiner Frau, Adelheid Luise Thea, geb. Stifler (1895–1964), hatte er zwei Kinder.
 
Am 1. April 1936 wurde Crusius aufgrund einer psychischen Erkrankung in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar eingewiesen. Dort blieb er, unterbrochen von einem Aufenthalt im Krankenhaus Schwabing (Oktober 1937–6. Oktober 1938) mehrere Jahre. Am 24. Oktober 1940 wurde er in einem Sammeltransport an die Gau-Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart in Linz überwiesen und am gleichen Tag in die NS-Tötungsanstalt Hartheim weitergeschickt. Am 26. Oktober 1940 wurde er nach Niedernhart zurückverlegt und starb dort am 8. März 1941, offiziell an einer "Kreislaufschwäche". 
  • Seine Enkelin, Barbara Wenzel, berichtet am 18.01.2015 in einem ARD-tagesthemen-Beitrag zum 75. Jahrestag des Beginns der "industriellen systematischen Patientenmorde", ihr Großvater Friedrich Crusius sei im Rahmen der NS-"Euthanasie"-Morde an einer "Überdosis von Schlafmitteln", die man ihm verabreichte, zu Tode gekommen.
  • Sein behandelnder Arzt war Rudolf Lonauer, der in  der "Ostmark" führende NS-Euthanasie-Arzt. Er leitete die NS-Tötungsanstalt Hartheim...
Größere Bekanntheit erlangte Crusius durch sein Buch Römische Metrik: Eine Einführung, dessen erste Auflage 1929 im Münchener Verlag M. Hueber erschien. Nach seinem Tod überarbeitete sein Münchener Kollege Hans Rubenbauer das Buch und gab 1955 eine zweite Ausgabe heraus. Bis 1967 erlebte das Buch sechs weitere Auflagen, die letzte, 8. Auflage wurde bis 2006 sechsmal nachgedruckt.
Crusius ist ein Nachkomme von Balthasar Crusius.
 
- nach WIKIPEDIA

2. Sacha Batthyany: Und was hat das mit mir zu tun ? - aspekte-clip ZDF

Sacha Batthayany stößt bei der Recherche auf zwei einschneidende Ereignisse in seiner Familie - denen er nachgeht - um selbst bei sich zu forschen nach eventuellen Erlebnisresten "in seinen Genen" - und er wird fündig ...

Interview mit Sacha Batthyany zu "Geheimnissen" in seiner weitläufigen Familie

3. Lyrik per Audio: Annemarie Zornack - lauter augenblicke - SRF

hier clicken

 

 
 

 

Oft werde ich gefragt, warum ich die Opferbiographie meiner Tante Erna Kronshage, die ich ja persönlich gar nicht kennenlernen konnte, so intensiv bemühe - und sie so intensiv beforsche ...

 

Ich habe natürlich versucht, mir das auch selbst zu beantworten - und da das Thema Erna Kronshage in der Familie fast vollständig tabuisiert war, hat es sicherlich etwas mit meiner beruflichen Sozialisation zu tun... Ich war in meiner Berufstätigkeit 40 Jahre sozial- und heilpädagogisch tätig - u.a. fast 30 Jahre als Team- und Heimleiter - und habe Aus-, Fort- und Weiterbildungen u.a. in Gestaltberatung und systemischer Supervision und Beratung abgeschlossen.

 

Hierbei sind latent auch immer Techniken von Biographiearbeit, Selbsterfahrung, Familientherapie und Familienaufstellung zugegen, von deren individuellen und allgemeinen Nutzen ich fest überzeugt bin.

 

Insofern gibt es aus meiner Sicht individuell-familiäre sowie allgemein-öffentliche - sicherlich letztlich auch prophylaktische - Aspekte, dem tragischen Lebensweg meiner Tante Erna nachzugehen. Ich habe dieses ungeheuerliche Opferschicksal weniger gezielt "gesucht" - als vielmehr allmählich Stück für Stück "gefunden" und so immer offensichtlicher freigelegt - und ich gehe ihm nun seit 1986 in unterschiedlichen Intensitätsphasen nach ...

 

Dieses Ausgrenzen und Verschweigen ist nämlich nicht nur ein individuelles und familiäres Verweigerungsverhalten: es ist und bleibt auch ein gesellschaftlich-nationales Phänomen - das bis heute nachwirkt: Alexander und Margarete Mitscherlich haben das zu Genüge belegt in ihrem Werk "Die Unfähigkeit zu trauern" (1967) - nämlich am Beispiel der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands und der unzulänglichen Auseinandersetzung und Bewältigung dieser beschämenden und mörderischen Epoche sowie in der Abwehrhaltung des Einzelnen und der Masse gegenüber Schuld und Mitschuld an politisch bzw. weltanschaulich motivierten Verbrechen und Verstrickungen.

 

Sozusagen trifft eine "Posttraumatische Belastungsstörung" (Abkürzung: PTBS; englisch: posttraumatic stress disorder, Abkürzung: PTSD) nicht nur Einzelne - sondern kann ganze Gesellschaftsteile erfassen, wenn sie es versäumen, solche traumatischen Geschehnisse wie in der NS-Zeit genügend aufzuarbeiten und zu bewältigen ...
 
Für mich ist das aktuell auch an solch gesellschaftlichen Phänomenen wie PEGIDA, AfD und die NSU und alle weiteren Schattierungen rechtsradikaler Verirrungen festzumachen ...

 

Der Zweite Weltkrieg liegt über 70 Jahre zurück. Doch er ist nicht verschwunden. Wie die Forschung heute weiß, lebt er weiter. In den Seelen derer, die ihn miterlebt haben, aber auch noch in vielen Seelen der Nachgeborenen.

 

Bei vielen zeigt sich das 
  • als fehlende Verankerung im Leben,
  • mangelnde Geborgenheit,
  • Gefühlsstörungen oder
  • verdeckte Schuldgefühle oder
  • "unerklärliche" Panikattacken
Aber auch in unerklärlichen körperlichen Schmerzen oder ernsthaften psychischen Krankheiten. Sind wir für immer seelisch verflucht, obwohl die heutigen Generationen doch unschuldig sind?

 

Natürlich sagt der gesunde Menschenverstand klar: Kein Deutscher, der den Krieg als Kind erlebt hat oder erst nach dem Krieg geboren wurde, ist an den deutschen Verbrechen schuld. Und doch sind sie noch da, die subtilen Schuldgefühle. Es zeigt sich an vielen Stellen: Zum Beispiel -
  • Wenn auch bei harmlosen politischen Diskussionen verlässlich noch immer zumindest latent die "rechtsaußen" oder rassistischen Argumente aus der Tasche gezogen werden.
  • Wenn verächtlich über die vermeintlich charakteristischen deutschen Eigenschaften wie
  • Gefühlsarmut,
  • Kontrolliertheit,
  • einem Hang zum Negativen oder
  • übersteigerte Angst gespottet wird.
  • Wenn über Migrationsfragen noch immer kaum sachliche Diskussionen geführt werden können.
  • Und der NSU 10 Jahre mitten in Deutschland unerkannt mordet und morden kann ...
  • Und wenn plötzlich viele Tausende "Bürger" in den PEGIDA(„Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“)-Montagsspaziergängen ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen "Angst" Ausdruck verleihen ...
In Wahrheit sind das alles typische Anzeichen von nicht bewältigten Traumata.

 

Denn: Nach dem Krieg bekamen die allerwenigsten eine Hilfe, das Grauen zu verarbeiten. Die Traumata unserer Eltern haben uns auf verschiedenen Wegen erreicht. Direkte rigide Erziehungsprinzipien etwa, wie übertriebene äußere Ordnung oder unbewusste Botschaften, zwischen den Zeilen: "Bloß nicht auffallen" oder "Ein zufriedenes erfülltes Leben steht uns nicht zu"...

 

Noch fataler: die Wirkung der Spiegelneuronen im Gehirn. Ob die Eltern traumatisiert wurden oder es selbst – für ein Kind ist es das gleiche Gefühl. Denn das kindliche Gehirn erlebt ja Bilder und Gefühle der Eltern und gerade auch verdrängte Erlebnisse wie eine eigene Erfahrung. Oder die Reinszierungstendenzen etwa einer Mutter, die als Säugling allein gelassen wurde, sie tut dies nicht selten unbewusst bei ihrem eigenen Kind genauso. Mittlerweile weiß man, dass sich bei traumatisierten Menschen häufig sogar die Schaltstellen der DNA verändern, Traumata können also tatsächlich buchstäblich vererbt werden.
 

Ein weiteres Phänomen greift deshalb immer mehr Platz: Ein Phänomen, das die Psychoanalyse "Transgenerationale Weitergabe" von unverarbeiteten oder ungenügend verarbeiteten Kriegserlebnissen nennt. Auch die Kinder und die Enkel und Urenkel - also ganz biblisch ausgedrückt: tatsächlich "bis ins 3. und 4. Glied" - "leiden" oft genug noch unbewusst an den oft furchtbaren Traumata-Gefühlen, die der Bombenkrieg, die Vertreibung, der Nazi-Holocaust oder eben auch die von Nazis und der NS-Psychiatrie zu verantwortende Vernichtung "unwerten Lebens" mit all ihren Gräueltaten mit sich bringen ...: 

 

Oft sind das Nuancen,

  • ein unbewusstes Schaudern oder 
  • eine Unfähigkeit - 
  • Ängste, die bei besonderen Situationen plötzlich "wie aus dem Nichts" kommen, 
  • eigenartige Traumsequenzen usw. -

Das vererbte Leiden, die Traumata-Weitergabe zwischen den Generationen durch (üb)erlebte Kriege, Terroranschläge, Gewalterfahrungen, Flucht und Vertreibung, Katastrophen - sie lösen über Generationen hinweg oftmals traumatische Erfahrungen aus, die die Betroffenen ein Lebenlang belasten können.

 

Und deshalb ist für mich eine Auseinandersetzung mit dem Opferschicksal meiner Tante Erna Kronshage und ein Aufdecken all der Fakten, die von Familie und Elterngeneration in oft vergeblichen Abspaltungs-Versuchen unbearbeitet verschüttet werden soll(t)en, eine wichtige - und in gewisser Weise sicher auch "selbst-therapeutische", psychohygienische Aufgabe, die mich immer wieder umtreibt ...

 

Und insofern ist das "Verraten" und Aufarbeiten traumatischer Familiengeheimnisse eine der Möglichkeiten, sich vor dem biblisch-alttestamentlichen "Fluch" einer Schuld "bis in die dritte und vierte Generation" (Exodus - Kap. 20) vielleicht erfolgreich zu schützen ...

NS-"Euthanasie": Das Familiengeheimnis um Erna Kronshage

6 Videos zum Thema "ERNA KRONSHAGE" - click here

 

5. AUDIO: SWR-tandem

 

Hörer Live, 24.10.2013, Familiengeheimnisse -
Schleichendes Gift für Generationen?
Udo Baer ist Therapeut und Autor zahlreicher Bücher. Die Folgen von Familiengeheimnissen interessieren ihn schon lange, besonders die Frage, wie Traumata in der nächsten Generation weiterwirken können - gerade wenn das Erlebte verschwiegen wird. Denn, wenn es für etwas keine Worte gibt, dann heißt das noch lange nicht, dass das Umfeld es nicht wahrnimmt. Kinder sind Meister im Erspüren von Unstimmigkeiten und sehr empfindsam für versteckte Botschaften. Verschwiegenes kann prägen - muss es aber nicht. Wann und warum Familiengeheimnisses als psychisches Gift an die nächste Generation weitergegeben werden und wann nicht, darüber möchten wir auch mit Ihnen diskutieren. 

Hörer Live, 24.10.2013, Familiengeheimnisse - Schleichendes Gift für Generationen?
Familiengeheimnisse

 

6. "Wir haben Schätze auf dem Dachboden und Skelette im Keller" 

 

Aus einem Interview mit der Familientherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin.

 

BRIGITTE: Sie beschäftigen sich als Therapeutin seit über zwanzig Jahren mit Geheimnissen in der Familie. Könnte man auch, weniger schön ausgedrückt, sagen, Sie helfen Familien, ihre Lügen aufzudecken?

 

Rosemarie Welter-Enderlin: Ja. Familiengeheimnisse sind Lügen. Ich habe zwar Klienten, die sagen: Es stimmt nicht, ich habe nicht gelogen, ich habe nur nichts gesagt - aber natürlich ist auch das Verschweigen eine Lüge.

 

BRIGITTE: Hat denn jede Familie eine Leiche im Keller?

 

Rosemarie Welter-Enderlin: Zu jeder Familie gehören Geheimnisse, aber sie sind nicht alle böse. Es gibt Skelette im Keller und Schätze auf dem Dachboden. In Familien muss sich jeder seinen eigenen Raum schaffen, in dem er seine liebsten und intimsten Dinge sicher aufbewahren kann, seine Schätze. Tagebücher, Liebesbriefe, alles, was ihm allein gehören soll.

 

BRIGITTE: Und die Skelette im Keller?

 

Rosemarie Welter-Enderlin: Bösartige Geheimnisse schließen einen Dritten aus, der davon wissen müsste, weil ihm die Lüge, das Verborgene, schadet.

 

BRIGITTE: Wie stoßen Sie als Familientherapeutin auf ein Geheimnis in einer Familie?
Rosemarie Welter-Enderlin: Es ist ja nicht so, dass mir meine Klienten sagen: Übrigens, wir haben da ein Geheimnis. Manchmal geben sie mir sofort Signale, manchmal erst, wenn sie Vertrauen gewonnen haben. 

 

...................

 

BRIGITTE: Kinder, die von ihren Eltern von einem Geheimnis ausgeschlossen werden, merken dennoch, dass etwas in der Familie nicht stimmt. Lässt sich das erklären?

 

Rosemarie Welter-Enderlin: Es gibt immer tausend kleine Hinweise auf etwas Verstecktes. Beispielsweise eine Familie mit einem 15-jährigen Sohn. Der Junge spinnt, sagt die Familie, immer im Herbst, nach den großen Ferien, ist er durcheinander, klaut, ist nicht ansprechbar. Bei unseren Gesprächen mit einer Kollegin kommt heraus, dass dann auch die Mutter immer depressiv ist. Und beim Verfolgen dieses Fadens fragt sie: Ja, was ist denn um die Jahreszeit? Da erzählt die Mutter: Vor 14 Jahren, Anfang Oktober, ist mein erster Mann, der Vater des Jungen, tödlich mit einem Sportwagen verunglückt, den er geklaut hatte. Er war betrunken, und dieser Tod war so beschämend, dass ich den Rat meiner Mutter befolgt und es niemandem erzählt habe, auch nicht meinem zweiten Mann.

 

BRIGITTE: Er hat also eine junge Witwe mit einem Säugling geheiratet und sich nie nach dem Tod des ersten Mannes erkundigt?

 

Rosemarie Welter-Enderlin: Nie getraut. Es blieb ein Tabu zwischen den beiden. Die wahre Geschichte erzählte sie nicht, sondern nur, dass ihr erster Mann tödlich verunglückt war.

 

BRIGITTE: Wieso spinnt der Junge im Herbst, wenn er doch von nichts etwas weiß?

 

Rosemarie Welter-Enderlin: Mit der Zeit organisiert das Geheimnis das ganze alltägliche Verhalten. Und wenn man mal begonnen hat, Geschichten zu erzählen, die nicht ganz stimmen, dann muss man scharf darauf achten, dass man diese Geschichten immer wieder kompatibel mit den Fortsetzungen macht - und das ist unheimlich anstrengend. Der Junge hat gespürt, dass mit seiner Mutter etwas nicht in Ordnung war, und hat auf seine Weise reagiert. Die Wahrheit zu erfahren war dann für alle eine große Erleichterung.

 

BRIGITTE: Da hütet ein Mitglied der Familie ein Geheimnis, und die anderen reagieren darauf, ohne zu wissen, warum sie sich so merkwürdig verhalten?

 

Rosemarie Welter-Enderlin: Für mich ist das, was in Familien mit solchen Geheimnissen geschieht, wie eine Hintergrund-Musik, zu der sie ihren schmerzhaften Tanz tanzen. Eine Musik voller Geheimnisse und Lügen, wobei die Tänzer die Melodie oft gar nicht kennen, nach der sie sich bewegen.

 

BRIGITTE: Wann sollte man Geheimnisse für sich behalten und wann auf gar keinen Fall?

 

Rosemarie Welter-Enderlin: Wenn es gefährliche Geheimnisse sind wie eine erbliche Krankheit, wenn jemand HIV-positiv ist und davon seinen Partnern nichts verrät, wenn Gewalt und Missbrauch in der Familie vorkamen - das sind ganz böse und gefährliche Geheimnisse, die zu Sprengsätzen werden können, wenn sie nicht gelüftet werden.

 

...................

 

BRIGITTE: Geheimnisse haben doch immer auch damit zu tun, was eine Gesellschaft akzeptiert, verbietet oder verdammt. Wir brauchen doch gar keine Geheimnisse mehr - wir sind doch so liberal, so tolerant, so offen.

 

Rosemarie Welter-Enderlin: Nein... (lacht) Wir sind überhaupt nicht offen! Wir predigen einerseits Offenheit, aber wenn es dann wirklich an die eigene Haut geht, ist selten jemand offen. Außenbeziehungen? Kein Problem! Aber wenn es gestanden werden soll, steht dann einfach viel zu viel auf dem Spiel.

 

BRIGITTE: Plädieren Sie dafür, immer sofort und gleich die Wahrheit zu sagen?

 

Rosemarie Welter-Enderlin: Nein. Ich erlebe manchmal bei Paaren, dass derjenige, der eine Außenbeziehung hat, wie ein 15-jähriger nach Hause kommt und beichtet, dass er etwas Schlimmes getan hat. Aber nicht, damit das Problem gelöst werden soll, sondern um sich reinzuwaschen. Er erhofft also Absolution. Diese Art der Wahrheit ist ein Schmarren und bewährt sich nicht. Ich habe keine Idee, wie das allgemein richtig gemacht werden kann. Ich meine einfach, in Situationen, wo man dem anderen wirklich schadet, da muss etwas eröffnet werden. Aber es gibt eine richtige und eine falsche Zeit, ein Geheimnis zu lüften. Die schlimmste Zeit ist bei einem Familientreffen, also vor vielen Menschen. Man sollte ein Geheimnis zuallererst mit dem Menschen in Ruhe besprechen, den es betrifft. Und es auch ertragen und auffangen, dass er wütend wird oder weinen muss.

 

BRIGITTE: Können wir nicht einfach das, was passiert ist, aus dem Gedächtnis streichen und vergessen?

 

Rosemarie Welter-Enderlin: Nein. Das Ereignis taucht erst einmal ab wie unter eine Eisdecke, aber es verschwindet nicht. Und sobald dieses Eis brüchig wird, kommt alles wieder hoch. Ich habe häufig Frauen erlebt, die eine Depression bekommen, wenn die Kinder aus dem Haus gehen, und denen genau zu diesem Zeitpunkt die Erinnerung an eine alte Abtreibung wieder hochkommt, die sie nicht bewältigt haben. Kritische Ereignisse sind ja nicht an und für sich kritisch - es ist unsere Bewertung, ob etwas tragisch ist oder nicht. Und wenn man in einer Umgebung lebt, in der eine Abtreibung als große Sünde bezeichnet wird, dann kann man darüber nicht so leicht hinweggehen.

 

...................

 

BRIGITTE: Wenn man als Kind jahrelang von einem Geheimnis ausgeschlossen wird - was macht das mit einem Kind?

 

Rosemarie Welter-Enderlin: Wenn zum Beispiel ein Kind, das adoptiert worden ist, spürt, dass es irgendwie anders ist, und es fragt, und man sagt ihm nicht die Wahrheit, dann kann es passieren, dass das Kind dieses Gefühl generalisiert. Es fühlt sich dann schnell ausgeschlossen und ausgestoßen. Es lässt beim geringsten Anlass Freunde oder Freundinnen fallen. Wird also ein bisschen paranoid, weil es davon ausgeht, das sind auch Lügner und Verräter. Das ist eine ganz schlimme Situation.

 

BRIGITTE: Spätestens dann, wenn gefragt wird, muss die Wahrheit gesagt werden?

 

Rosemarie Welter-Enderlin: Unbedingt. ... Wenn solche Geschichten erzählt werden, dann sind sie auch einfühlbar. Man versteht das ganze Gewebe und ist als Kind vielleicht enttäuscht, dass man so eine Geschichte eröffnet bekommt - kann sie aber doch begreifen. Die Geschichten, die verdrängt werden, sind die schlimmen Geschichten. Aber Geschichten, die einen Namen haben, die kann man in sein Leben integrieren.

 

Das ganze Interview finden sie hier
Sigrid Falkenstein - Aufnahme im Studio "Planet Wissen"

 

 

Nationalsozialistische Rassenlehre

7. Interview mit Sigrid Falkenstein

 

 

Vor einigen Jahren hat Sigrid Falkenstein durch Zufall erfahren, dass ihre Tante Anna Lehnkering ein Opfer der "Euthanasie"-Morde der Nationalsozialisten war

und 1940 in Grafeneck ermordet wurde. Sie recherchierte weiter und schrieb ein Buch über das Schicksal ihrer Tante – das lange Zeit ein Familiengeheimnis war.

 

Planet Wissen: Frau Falkenstein, wie sind Sie auf das Schicksal Ihrer Tante gestoßen?

 

Sigrid Falkenstein: Das war purer Zufall. 2003 war ich auf der Suche nach genealogischen Daten und gab den Namen meiner Großmutter bei Google in die Suchmaske ein. Sie hieß, wie ihre Tochter, Anna Lehnkering. Ich fand den Namen völlig überraschend auf einer Liste von Opfern der NS-"Euthanasie". Anhand des Geburtsdatums konnte ich schlussfolgern, dass es sich um meine Tante handelte.

Durch einen Hinweis auf besagter Internetseite stieß ich auf Annas Patientenakte im Deutschen Bundesarchiv. In dieser Akte aus der Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau. Dort fand ich viele Informationen und auch Querverweise auf andere Unterlagen. So konnte ich mithilfe verschiedener Quellen nach und nach Annas Weg rekonstruieren.

 

Was wissen Sie über die Stationen von Anna bis zu ihrem Tod in Grafeneck?

 

Anna wurde 1915 in Sterkrade, heute Oberhausen, geboren. Ihr Vater starb bereits 1921. Anscheinend entwickelte sie sich bis zu ihrem vierten Lebensjahr normal. Dann zeigte sie zunehmend Auffälligkeiten, war laut Akte "nervös, sehr ängstlich und schreckhaft". 1924 kam sie wegen Lernschwierigkeiten in eine Hilfsschule. Nach ihrer Schulentlassung 1929 erlernte sie keinen Beruf, sondern half der Mutter im Haushalt.

Rund zwei Jahre später erstellte die Bonner "Kinderanstalt für seelisch Abnorme" die Diagnose "Schwachsinn", ein damals üblicher Begriff für eine geistige Behinderung. 1935 wurde Anna auf Grundlage des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses im Evangelischen Krankenhaus der Stadt Mühlheim an der Ruhr zwangssterilisiert, im Jahr darauf kam sie in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau (Kreis Kleve). Im März 1940 wurde sie im Rahmen einer Massendeportation nach Grafeneck gebracht und dort in der Gaskammer ermordet.

 

Hatte in Ihrer Familie nie jemand über Ihre Tante gesprochen?

 

An der Wand hing zwar ein Foto von Anna und meiner Großmutter, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir jemals über Anna gesprochen hätten. Für mich war sie die früh verstorbene Schwester meines Vaters. Ich kann bis heute nicht erklären, warum ich nicht früher nach Anna gefragt habe. Im Nachhinein denke ich, dass es auch in unserer Familie – wie in vielen betroffenen Familien – eine Atmosphäre von "diffusem Schweigen" und "Sich-nicht-trauen-zu-fragen" gab.

 

Wie hat Ihr Vater auf Ihre Fragen nach Anna reagiert?

 

Als ich meinen damals hochbetagten Vater mit meiner Entdeckung konfrontierte, bemühte er sich um Antworten, doch der Erinnerungsprozess schien schwierig und schmerzhaft zu sein. Geblieben waren überwiegend schöne Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit und Jugend. Er beschrieb die fünf Jahre ältere Anna als eine sehr liebe und sanftmütige Schwester und sprach zum ersten Mal darüber, dass sie Lernschwierigkeiten hatte.

Es schien jedoch, als ob er die schlimmen Geschehnisse ausgeblendet hätte, denn es gab unglaubliche "schwarze Löcher" in seinem Gedächtnis. Er erinnerte sich nur daran, dass man Anna irgendwann Mitte der 1930er-Jahre in irgendeine Anstalt eingewiesen hätte und dass sie irgendwann während des Krieges in irgendeiner Anstalt gestorben wäre. Er wusste nicht, wo ihr Grab war.

 

Konnte er Ihnen erklären, warum in der Familie nicht über Anna gesprochen wurde?

 

Nein, nicht direkt. Ich habe eher zwischen den Zeilen seiner Antworten gelesen und dann den Kontext zu den gesellschaftlichen und historischen Hintergründen hergestellt, in die ich mich inzwischen eingearbeitet hatte.

Abwertung und Ausgrenzung psychisch kranker und geistig behinderter Menschen und auch ihrer Angehörigen gehörten zu den Lebenserfahrungen meines Vaters, die ihn sicher geprägt haben. Ich kann nur spekulieren, dass es eine Mischung aus Schuld- und Schamgefühlen war, die zu seinen auffallenden Gedächtnislücken geführt hat. So hatte ich beispielsweise eine Sippentafel in Annas Patientenakte gefunden, in der weitere Familienangehörige als "erbminderwertig" stigmatisiert werden.

Erst als ich ihm dieses Dokument zeigte, berichtete er von "erbbiologisch" motivierten Erkundigungen über die Familie und Bespitzelungen in der Nachbarschaft. Er sprach es nie aus, aber es ist für mich denkbar, dass es Zeiten gab, in denen er sich schämte, weil seine Schwester den Makel der Hilfsschülerin trug und Bewohnerin einer "Irrenanstalt" war.

 

Können Sie das Verhalten nachvollziehen?

 

Je mehr ich mich mit den rassenhygienischen Hintergründen von Zwangssterilisation und "Euthanasie" befasst habe, umso besser konnte ich nachvollziehen, warum diese Themen in meiner Familie – wie in vielen betroffenen Familien – verschwiegen und verdrängt wurden. Ein Grund waren sicher die existenziellen Sorgen der Nachkriegszeit, die zu einer Art Schlussstrich-Mentalität führten.

Eine noch größere Rolle spielten die gesellschaftlichen Vorurteile, die weiterhin existierten und in vielen Familien Unsicherheit auslösten. Dazu kamen vermutlich Scham und Schuldgefühle; das Leben mit dem Stigma der "erblichen Minderwertigkeit" und die Frage: Haben wir genug getan, um unsere Angehörigen zu schützen?

Erschwerend kam hinzu, dass den Opfern jahrzehntelang politische Anerkennung verweigert wurde. Im Gegensatz dazu konnten viele Täter ihre Karrieren nach 1945 ungestraft fortsetzen. Politik, Verwaltung, Kliniken, Justiz, Kirche und viele andere beteiligte Institutionen: Eigentlich hat man sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen gegen die Übernahme von Verantwortung gesperrt. Das Schweigen in den Familien war also Spiegel eines gesamtgesellschaftlichen Prozesses von Verschweigen, Vertuschen und Verleugnen der Verbrechen.

 

Haben Sie das Gefühl, im Namen Ihrer Familie etwas wieder "gutmachen" zu müssen?

 

Ja, das Gefühl hatte ich als Teil einer Familie, die mit Schweigen und Verdrängen auf Annas Tod reagierte. Natürlich kann man rückwirkend nichts wieder "gutmachen", nichts ungeschehen machen. Aber es war mir ein Bedürfnis, Anna in die Familie zurückzuholen, ihr ein Gesicht, einen Namen zu geben. Wer könnte besser als die Angehörigen bezeugen, dass die Opfer keine anonyme Masse waren, sondern unverwechselbare Menschen mit einer ihnen eigenen Würde?

Ich finde es wichtig, viele Geschichten wie die von Anna zu erzählen, denn es sind meiner Meinung nach Einzelschicksale, die jenseits anonymer Zahlenkolonnen abstrakte Geschichte begreifbar machen, die im besten Fall die Herzen der Menschen berühren und dadurch etwas in den Köpfen bewegen.

 

Interview: Kerstin Deppe/Jochen Klink

 

Stand: 03.06.2015, 06:00 | Quelle: 

siehe Video "Planet Wissen" - hier

Tabus in der Familie

 

8. Geheimnisse: Was zu tun ist, wenn es in der Familie etwas gibt, an das nicht gerührt werden darf.

 

Ein Geheimnis zu haben, muss nicht schlecht sein. Dunkle Geheimnisse jedoch, über die hartnäckig geschwiegen wird, können viel Unheil anrichten.

 

Von Karin Vorländer

 

Geheimnisse schützen das Private. Sie schaffen so etwas wie einen eigenen Raum, betont die Psychologin Ursula Nuber. Geheimnisse sind Vorfälle, Geschehnisse und Geschichten, die »im Heim« bleiben, die nicht für andere und für die Öffentlichkeit bestimmt sind.

 

Bei Geheimnissen unterscheidet Familientherapeutin Rosemarie Welter-Enderlin zwischen »Skeletten im Keller und Schätzen auf dem Dachboden«. Zu den »Schätzen« zählt sie alles, was einem Menschen allein gehören soll, was jemandem lieb und teuer ist – Tagebücher oder Liebesbriefe etwa. Aber es gibt auch die »Skelette«: dunkle, destruktive Geheimnisse, Lügen, Täuschungen und Tabus in der Familiengeschichte, an die niemand rühren darf und über die in einer Art Familienschwur hartnäckig geschwiegen wird: Die Nazivergangenheit eines Großvaters, eine Abtreibung, der Suizid einer Tante, die Alkoholsucht der Großmutter, Missbrauch, Straffälligkeit eines Familienmitglieds, eine Adoption, ein uneheliches Kind, Bereicherung mit unlauteren Mitteln, Homosexualität eines Familienmitgliedes. Im Prinzip kann jedes Thema zum Geheimnis werden, wenn es als peinlich gilt, wenn es real oder gefühlt nicht zu den Idealen passt, die die Familie nach außen hin vertritt.

 

Wer ein destruktives Geheimnis hütet, muss enorm viel psychische Kraft und mentale Arbeit aufbringen. Ständiges Lügen, Täuschen und Verschweigen brauchen so viel Energie, dass die emotionale Beziehung und die Kommunikation mit anderen in der Familie leiden. Die Angst vor ­Entdeckung führt häufig zu psycho­somatischen Erkrankungen oder zur Suchtgefährdung.

 

Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Familientherapie zeigen, dass dunkle Geheimnisse eine Partnerschaft und eine Familie erschreckend nachhaltig belasten. Sie können sogar über Generationen hinweg Unheil anrichten, wenn sie nicht aufgedeckt werden. Dabei leiden auch diejenigen, die von dem Geheimnis gar nichts wissen, oft schwer. Edelgard Meinolf* (56) und ihr Bruder Helmut* (44) litten genau wie ihre Mutter jahrelang an Depression. Helmut erlebte sich als bindungsunfähig, Edelgards Ehe scheiterte. Ihre Tochter litt an ständig neuen psychosomatischen Symptomen. Erst als Edelgard von ­einer Tante erfuhr, dass ihre Mutter als Kind vom Vater missbraucht ­worden war, fanden alle drei mit ­therapeutischer Begleitung aus dem dunklen Tal.

 

Oft schweigen auch die Opfer. »Wir haben unseren Kindern 15 Jahre lang nicht erzählt, dass wir Holocaust Überlebende sind – aber die haben gespürt, dass ein Schatten über uns liegt«, berichtet die KZ Überlebende Rahel Grünebaum (88). Sie hofft, dass die Generation ihrer Enkel endlich zu unbeschwerter Lebensfreude findet.

 

Vertuscht, gelogen, verschwiegen oder ­verdrängt wird aus Scham, aus Angst vor Strafe oder aus Furcht vor dem Verlust an Prestige, Geltung und Ansehen. Oft wird ein Geheimnis auch deshalb nicht offengelegt, weil Eltern glauben, Kinder könnten die Wahrheit nicht verkraften. Kinder, die von einem Geheimnis ihrer Eltern ausgeschlossen werden, spüren dennoch, dass etwas nicht stimmt. »Ich hatte immer das Gefühl, falsch, fremd und irgendwie verkehrt zu sein«, weiß Frauke Berkunin* (54), deren emotionale Unsicherheit sich als Kind und Jugendliche darin äußerte, dass sie ständig stolperte oder stürzte. Als ihre Eltern ihr kurz vor ­ihrer eigenen Hochzeit offenbarten, dass sie ein Adoptivkind ist, war sie ­erleichtert. Den offenen Umgang mit dem Thema Adoption halten Psychologen heute für richtig. Denn schon Kinder begreifen viel, wenn ihnen die Wahrheit einfühlsam gesagt wird.

 

Judith Wagner* (27) litt unter Schwindelanfällen. Als ihr Vater ihr nach dem Abitur offenbarte, dass er homosexuell ist, suchte sie psychologische Hilfe – und die Schwindelattacken verschwanden. Der Bitte ihres Vaters, das Geheimnis gegenüber den Geschwistern und der Großmutter zu bewahren, ist sie allerdings nachgekommen. »Ich habe nicht das Recht, ihn gegen seinen Willen zu outen«, sagt sie.

 

Das Geheimnis preiszugeben ist nicht angeraten, wenn dahinter nur die Hoffnung steckt, selbst sofort und unmittelbar Entlastung, Absolution und Verständnis zu erfahren. Ein Geheimnis, das aus Wut oder Rache eingestanden wird, hat eine schädliche Wirkung. Etwa wenn ein Kind in einer Konfliktsituation zwischen den Eltern vom vermeintlichen Vater erfährt, dass es »das Ergebnis« einer außerehelichen Beziehung der Mutter ist.

 

Gute Motive, ein Geheimnis zu lüften, liegen dagegen vor, wenn jemand ehrlich davon überzeugt ist, dass die Lebenskraft eines anderen dadurch gestärkt wird. Heidi Schlicht (62) erlebte es als – allerdings viel zu späte – Belebung ihres Lebens, als ihre 90-jährige Mutter ihr endlich offenbarte, dass ihr Vater ein russischer Zwangsarbeiter war. »Sie hat mir ein Bild von ihm gezeigt. Wenn ich jetzt in den Spiegel schaue, freue ich mich, dass ich seine Augen habe.«

 

Ein Familiengeheimnis zu lüften kann erleichtern, der Anfang eines neuen Lebens für alle Beteiligten sein. Es kann aber auch neue Probleme schaffen. Wut und Enttäuschung, Fassungslosigkeit und Kränkung oder Scham und Unverständnis müssen verkraftet werden. Womöglich gibt es sogar Trennungen oder Abschiede. Vor einem klärenden Gespräch kann man Unterstützung in Form von professioneller Beratung in Anspruch nehmen und überlegen, ob der Zeitpunkt gut gewählt ist und in welchem Rahmen und wie das Geheimnis gelüftet werden soll.

 

(* Name geändert)

 

Buchtipps

 

Perner, Rotraud A.: Darüber spricht man nicht. Tabus in der Familie. Das Schweigen durchbrechen, Kösel-Verlag, 256 S., ISBN 978-3-466-30841-5, 14,95 Euro

 

Nuber, Ursula: Lass mir mein Geheimnis! Warum es gut tut, nicht alles preiszugeben, Campus Verlag, 239 S., ISBN 978-3-593-38234-0, 19,90 Euro; Audio-CD, ISBN 978-3-593-38462-7, 14,95 Euro

 

Oh, meine Ahnen!: Wie das Leben unserer Vorfahren in uns wiederkehrt 
von Anne A Schützenberger, 253 Seiten
Carl Auer Verlag; 7., unveränd. Aufl. 2012

 

Ich und die Anderen: Wie Genogramm- und Aufstellungsarbeit Familienmuster sichtbar und lösbar werden lassen Einführung und Praxisbeispiele
von Claudia Molitor, 188 Seiten
Verlag: Books on Demand, 2012

 

Familientherapie für Dummies
von Paul Gamber, 343 Seiten
Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA; 2014

 

9. Willkommenkultur als Vergangenheitsbewältigung - Spiegel-Kolumne Jakob Augstein 18-01-2016

click here
10. Neuere Ansätze der Familienaufstellung

 

In den letzten Jahren haben sich parallel zum Ansatz Bert Hellingers (s.d.) eine Reihe weiterer Ansätze der Familienaufstellung entwickelt. Dabei distanzieren sich viele systemisch arbeitende Therapeuten und viele Familienaufsteller inzwischen ausdrücklich von Hellingers Methode. Andere bauen zwar auf Hellingers Ansatz auf, setzen aber eigene Schwerpunkte und verbinden den Ansatz mit weiteren Methoden aus der Psychotherapie oder der psychosozialen Beratung.

 

Gleichzeitig sind in den letzten zehn Jahren Fachgesellschaften entstanden, die sich zum Ziel gesetzt haben, Qualitätsstandards und ethische Richtlinien für Systemaufstellungen zu entwickeln. Zu Ihnen gehören die Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS) und die International Systemic Constellations Association (ISCA). Die DGfS hat zum Beispiel Qualitätsstandards für die Aufstellungsarbeit und für die Weiterbildung in Systemaufstellungen erarbeitet, bietet eine Datenbank mit geprüften Systemaufstellern an und unterstützt die Forschungsarbeit über Systemaufstellungen.

 

Positive Wirkungen von Familienaufstellungen

 

Eine Familienaufstellung kann durchaus positive Auswirkungen haben – sofern dabei bestimmte Grundregeln beachtet werden, wie sie auch für eine Psychotherapie gelten.

 

Wo eine Familienaufstellung hilfreich sein oder zu neuen Erkenntnissen führen kann

 

Generell kann eine Familienaufstellung eine neue Sichtweise der eigenen Familiengeschichte ermöglichen und zu einer Neubewertung problematischer Verhaltens- und Beziehungsmuster führen. Anschließend können daraus zusammen mit dem Aufstellungsleiter neue, weniger problematische Bewertungsmuster und Verhaltensweisen abgeleitet und ausprobiert werden.

 

Gegenüber anderen Therapiemethoden hat eine Familienaufstellung den Vorteil, dass  hier die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern bildlich dargestellt werden und dabei das Familiensystem im Ganzen sichtbar gemacht wird. Da der Klient die Figuren intuitiv im Raum aufstellt, werden oft Beziehungsmuster oder Konflikte aufgedeckt, die ihm vorher so nicht bewusst waren. Dabei werden häufig beim Klienten selbst intensive Gefühle ausgelöst, zum anderen werden ihm durch die Stellvertreter auch mögliche Gefühle und Reaktionen der Familienmitglieder verdeutlicht.

 

Häufig wird den Klienten durch eine Familienaufstellung auch bewusst, wie stark ihr Leben durch ihre Familie und durch unbewusste Verpflichtungen oder Schuldgefühle gegenüber anderen Familienmitgliedern beeinflusst ist. Durch die Aufstellung erkennen viele Ratsuchende, dass sie keine Schuld an ihrem Leid trifft, da sich dieses gar nicht hätte verhindern lassen.

 

Auch die Bearbeitung der aufgestellten Szene ist häufig mit intensiven Gefühlen verbunden – zum Beispiel, wenn die Positionen der Familienmitglieder verändert werden oder wenn der Klient den Stellvertretern gegenüber Dinge sagt, die er zum Beispiel dem Vater oder der Mutter schon lange mitteilen wollte. Es wird vermutet, dass durch diese starken Eindrücke und Gefühle intensivere und dauerhaftere Veränderungen ausgelöst werden können als bei anderen Therapieformen.

 

DGSF-Kriterien zur Unterstützung günstiger Wirkungen einer Familienaufstellung:

 

Soll eine Familienaufstellung günstige therapeutische Auswirkungen haben, sollten – zum Beispiel nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie (DGSF) – unbedingt folgende Aspekte berücksichtigt werden:

 

  • Die Klienten sollten auf die Aufstellungsarbeit im Vorfeld sorgfältig vorbereitet werden und auch hinterher therapeutisch begleitet werden.
  • Eine Familienaufstellung sollte nicht in Großgruppen durchgeführt werden, bei denen es vor allem um den publikumswirksamen Effekt geht.
  • Eine Aufstellung sollte wegen der möglichen starken Auswirkungen nie leichtfertig oder als „Spiel“ durchgeführt werden.
  • Der Behandler sollte sich dem Klienten gegenüber einfühlsam verhalten und ihm Respekt entgegenbringen.
  • Er sollte die Sichtweise und die Interpretationen des Klienten immer respektieren und ihm nicht seine eigene Sichtweise aufdrängen. Auch Lösungsansätze sollten immer gemeinsam mit dem Klienten entwickelt werden.
  • Die Aussagen von „Stellvertretern“ sollten als Hypothesen gewertet werden, die der Klient als nützlich einschätzen, aber auch als nicht passend oder nicht nützlich verwerfen kann.
  • Der Behandler sollte die Autonomie des Ratsuchenden fördern – zum Beispiel, indem er die Entscheidung für eine Veränderung  immer dem Klienten überlässt.
  • Falls die Aufstellung nicht im Rahmen einer kontinuierlichen Psychotherapie stattfindet, sollte der Aufsteller den Klienten zumindest ausdrücklich darauf hinweisen, dass er Unterstützung suchen soll, falls es hinterher zu problematischen Auswirkungen kommt.

 

Aspekte der Qualifikation der Aufsteller:

 

Wichtig ist auch, dass ein Aufstellungsleiter eine fundierte Ausbildung und Praxiserfahrungen bei der Durchführung von Familienaufstellungen hat. Da es jedoch keine festen Ausbildungsrichtlinien für Systemaufstellungen gibt, ist dieser Aspekt relativ schwer zu überprüfen.

 

Eine Qualifikation als Psychologischer Psychotherapeut, Arzt für Psychiatrie oder Psychosomatik oder als Heilpraktiker für Psychotherapie ist ein Anhaltspunkt dafür, dass der Anbieter eine umfassende fachliche Ausbildung durchlaufen hat und mit den Grundregeln einer Psychotherapie vertraut ist. Gleichzeitig sollte er jedoch auch praktische Erfahrungen in der Aufstellungsarbeit nachweisen können.

 

Wird die Aufstellung im Rahmen einer Systemischen Therapie durchgeführt, sollte man darauf achten, dass der Behandler über eine fundierte Ausbildung in systemischer Therapie oder Beratung und Praxiserfahrungen in der Aufstellungsarbeit verfügt.

 

Eine Ausbildung zum Aufsteller nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS) ist zumindest ein Anhaltspunkt dafür, dass der Behandler eine gewisse theoretische und praktische Grundausbildung in der Aufstellungsarbeit hat und sich um die Einhaltung von Qualitätsstandards bemüht.

 

Als zweifelhaft ist dagegen die Qualifikation von Anbietern zu sehen, die aus dem Esoterikbereich kommen.

 

Aufstellungen in der Einzelarbeit

 

Auch in der Einzeltherapie kann die Methode der Aufstellung angewandt werden. Anstelle von Personen werden dann Symbole wie Figürchen oder Kissen als Stellvertreter der Familienmitglieder aufgestellt. Eine weitere Möglichkeit ist, die räumlichen Positionen der Familienmitglieder mithilfe von „Bodenankern“ darzustellen, bei denen der Klient Stühle oder Papierblätter im Raum positioniert. In diesem Fall kann er in die Rolle der einzelnen Familienmitglieder schlüpfen, indem er sich an die verschiedenen Positionen stellt und formuliert, was er jeweils dort empfindet.

 

Bei der Bearbeitung der Problematik kann der Therapeut Sätze formulieren, die die Familienmitglieder sagen könnten. So beschreibt die Pädagogin Barbara Innecken ein Fallbeispiel, bei der eine Mutter zwischen ihrem geschiedenen Mann und ihrem Sohn nur wenig Kontakt zulässt. Hier könnte der Therapeut die Figur des Vaters sagen lassen: „Aber ich liebe meinen Sohn doch genauso wie Du.“ Daraufhin könnte er für die ratsuchende Mutter einen Satz formulieren – zum Beispiel: „Ich sehe erst jetzt, wie sehr Du ihn liebst. Bei dir ist er gut aufgehoben.“ Der Klientin ist anschließend freigestellt, ob sie diesen Satz nachspricht oder sich einen anderen, für sie besser passenden Satz überlegt.

 

Organisationsaufstellungen

 

Eine weitere Form der Aufstellung, die in den letzten Jahren immer häufiger zum Einsatz kommt, ist die Organisationsaufstellung. Dabei geht es um berufliche Fragen wie zum Beispiel Mobbing, Konflikte in der Arbeitsgruppe oder Schwierigkeiten im Unternehmen. Bei dieser Art der Aufstellung lassen sich Dynamiken in beruflichen Systemen sichtbar machen, aus denen sich dann Hilfestellungen bei beruflichen Entscheidungen oder Lösungen für problematische Konstellationen entwickeln lassen.

 

Quelle: therapie.de
Projektidee NS-Familien-Geschichte - CLICK ON THE PICTURE

Angst

 

11. Mitteilungen einer unheimlichen Gefährtin

 

Angst ist mächtig und unberechenbar, sie kann plötzlich auftauchen und Leben zerstören. Niemand mag sie. Dabei will sie uns manchmal helfen. Und immer will sie uns etwas sagen.

 

Von Stephan Lebert

 

21. Februar 2017, 14:45 Uhr ZEIT Wissen Nr. 2/2017, 21. Februar 2017

 

Draußen tobt die Welt, und hier drinnen? Ein Zimmer in einer therapeutischen Praxis in Berlin, zwei Stühle stehen sich gegenüber. Blumensträuße und eine große Pflanze sollen dem Raum die Schwere nehmen. Hier drinnen soll es um den Menschen gehen, nur um den Menschen und seine Sorgen, nicht um das lärmende Getöse draußen, nicht um die Ängste der Zeit. Geht das? Der Ort, an dem ein Terrorist vor wenigen Wochen mit seinem Lkw elf Menschen in den Tod gerissen hat, der Breitscheidplatz, liegt keine zwei Kilometer entfernt von der Berliner Praxis.

 

Nein, das geht nicht. "In den letzten Wochen und Monaten hat sich meine Arbeit mit den Patienten stark verändert", sagt die Therapeutin. Aber anders, als man zunächst meinen könnte. Es geht nicht darum, dass sich ihre Patienten Sorgen machen würden wegen der Flüchtlingssituation (alles dazu lesen Sie auf diesen Seiten) oder dass sie Ängste hätten vor einem terroristischen Angriff. Diese konkrete Welt bleibt scheinbar draußen. Aber da sind die Ängste, die auf diesem Stuhl Platz nehmen, ihr gegenüber, viel mehr als sonst. "Bei vielen Leuten kommen jetzt Dinge hoch, die lange geschlummert haben. Richtige Traumata, die plötzlich ausbrechen. Manche fragen mich: Warum geht das denn jetzt los?" Es sind Ängste aus der Kindheit, ewig verdrängte Ereignisse von früher, die präsent werden. "Es scheint so zu sein", sagt die Berliner Therapeutin, "dass das allgemeine Klima der Unsicherheit, das unsere Gesellschaft gerade beschäftigt, bei Menschen sehr persönliche, eigene Ängste hervorholt, die immer da waren, aber jetzt Alarm schlagen."

 

Ängste tauchen gerne da auf, wo man sie nicht erwartet. Sie sind nur schwer zu berechnen und zu kategorisieren. Angst ist etwas anderes als Furcht. Furcht ist konkret, man fürchtet sich vor einem wilden Tier, vor dem Scheitern in einer Prüfung, vor einer Operation. Angst ist allgemein – und wirkt oft irrational. Eine Einteilung in große und kleine Ängste bringt nichts, auch nicht in sinnlose Ängste und sinnvolle. Was soll es schon für einen Sinn machen, wenn jemand beispielsweise nicht in der Lage ist, über eine Brücke zu gehen, weil er wahnsinnig Angst davor hat, obwohl es eine ganz normale, sichere Brücke ist?

 

Manchmal sind Ängste nicht einmal leicht zu erkennen. Matthias war 41, als er eines Nachts aufwachte und nicht wusste, was los war. Er spürte einen Druck in der Brust; als er aufstand, spürte er Schwindelgefühle. Er dachte: Ein Herzinfarkt? Ein Schlaganfall? Er rief den Notarzt. Kam ins Krankenhaus, aus dem er zwei Tage später entlassen wurde. Als körperlich gesund. Die Ärzte zuckten mit den Schultern: Ihnen fehlt nichts, auf Wiedersehen. Es war eine Krankenschwester, die ihn zur Seite nahm: Sie hatten eine Panikattacke, das kann wiederkommen, wahrscheinlich sogar. Suchen Sie sich mal einen guten Psychologen.

 

Wie bitte, dachte Matthias: Panikattacke, ich? Matthias arbeitet bei einer großen Münchner Versicherung, ist dort so etwas wie ein Star, der Fachmann für Risikoanalysen jeder Art, er verdient knapp 200.000 Euro im Jahr und hatte ein Angebot auf dem Tisch von der Konkurrenz in den USA, der Job würde noch mehr Geld und Denver bedeuten. Privat war er auch nicht unglücklich, im Gegenteil, dachte er: Er hatte noch keine Familie, auch keine feste Beziehung, aber ausreichend Liebschaften, neulich war sogar mal ein Mann darunter gewesen, warum nicht? Im Großen und Ganzen ist doch alles in Ordnung, dachte Matthias. Also beschloss der Meister der Risikoanalyse, den einen Vorfall in der Nacht zu ignorieren.

 

Das nächste Mal erwischte es ihn nur einige Tage später beim Einparken seines Wagens. Er hatte gerade noch mit seinem Chef telefoniert, das Gespräch war ein wenig kompliziert gewesen, aber macht nichts, kommt eben vor. In zwei Stunden sollte er nach Hause fahren zu seinen Eltern, sie lebten in derselben Stadt, und er hatte noch kein Geschenk für seinen Vater, der Geburtstag hatte. Und im Radio, das brannte sich bei ihm ein, lief gerade ein alter Beatles-Song. Yesterday. All my troubles seemed so far away. Plötzlich bekam er Probleme mit dem Atmen. Er dachte, er wird ohnmächtig, er dachte, er wird verrückt. Er stieg aus dem Wagen. Ein paar Minuten. Dann ging es wieder, er dachte, es ging wieder. Doch dann musste er anfangen zu weinen. Die Passanten schauten ihn an. Es war ihm peinlich. Er setzte sich wieder ins Auto. Und weinte weiter. Eine Stunde lang.

 

Etwa zehn Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Angststörungen: unter Panikattacken, generalisierten Ängsten oder diversen Phobien, die sie dazu bringen, bestimmte Situationen zu meiden oder sich schlimmstenfalls von der Umgebung völlig zurückzuziehen. Experten sind sich einig, dass es jeden treffen kann, jeder vierte Deutsche muss in seinem Leben damit rechnen. Bei dem einen kommt die Angst früher, bei dem anderen später.

 

Angst lähmt, bringt das Leben zum Stillstand

 

Bei mir, dem Autor dieser Zeilen, war es früher so weit, das muss man wohl so sagen. Meine Familie machte sich schon reichlich Sorgen, weil ich fast drei Jahre alt war und immer noch nicht sprach, jedenfalls nichts, was man hätte verstehen können. Dann kam diese Nacht, ich war längst ins Bett gebracht worden, und draußen gewitterte es, wohl ziemlich stark. Meine Mutter schaute noch einmal nach mir, und da saß ich aufrecht im Bett, ganz weiß im Gesicht, zitternd. Und, so wird es überliefert, ich sagte ganz klar und deutlich: "Angst." Es war das erste Wort, das ich in meinem Leben gesprochen habe. Ein ängstlicher, sensibler Junge, für dieses Etikett hatte ich damit selbst gesorgt. Es sollte mich begleiten.

 

Der Begriff Angst stammt aus dem Indogermanischen, anghu, und ist verwandt mit dem lateinischen angustus, was so viel heißt wie Enge, Bedrängnis, Beengung. Die Sprache ist weise, denn wenn die Angst regiert, wird die Welt eng und immer noch enger. Wenn sie regiert, ist nichts mehr von Freiheit und Weite da. Angst lähmt, bringt das Leben zum Stillstand.

 

Es ist nicht leicht, über die wirklichen Ängste zu sprechen, vor allem in der Öffentlichkeit. Ich interviewte einmal einen Berliner Spitzenpolitiker, es war wenige Tage nach dem 11. September 2001, als die Terroristen die Flugzeuge in die Twin Towers in New York steuerten und Tausende Menschen in den Tod rissen. Das Thema des Gesprächs sollte Angst sein, und es war im Vorfeld klar vereinbart worden, dass das Interview nur Sinn macht, wenn der Politiker persönlich wird und über die eigenen Ängste spricht. Okay, abgemacht. Das Interview wurde eine Katastrophe, so sehr, dass es nie gedruckt werden konnte. Auf die Frage, wovor er sich als Kind gefürchtet hatte, antwortete er: Ja, da gab es bestimmt etwas. Und auf Nachfrage ergänzte er: Leider könne er sich konkret an die Ängste nicht erinnern. Albträume? Panikzustände? Ja, ja, durchaus, aber welche genau, das sei ihm leider entfallen. Und so weiter und so fort. Der Mann hatte vielleicht gemerkt, wer wirklich über Ängste spricht, verrät eine Menge von sich. Ein bisschen sensibel wäre er gerne rübergekommen, für das äußere Bild. Aber das? Nein, auf keinen Fall.

 

Der Erfinder der Psychoanalyse, Sigmund Freud, nannte die Angst den "Knotenpunkt der Seele". Wer sie zu lesen verstehe, schrieb er einmal, könne alles begreifen, was das Seelenleben eines Menschen ausmache. In einer Vorlesung vor Studenten stellte Freud eine Art Formel auf: Es gibt etwas, was Angst auslöst, mehr als alles andere, und das ist die Vermeidung. Wer in seinem Leben zentrale, wichtige Dinge vermeidet, wichtigen Erfahrungen, wichtigen Entscheidungen aus dem Weg geht, zahlt dafür einen Preis. Und dieser Preis heißt Angst.

 

Man könnte es auch so formulieren: 

Die Angst erinnert Menschen auf ihre eigene Weise daran, was zu tun ist.

 

Matthias suchte nach der zweiten Panikattacke einen Psychotherapeuten auf. Und es war keine kurze Therapie, die folgen sollte. Matthias musste begreifen, dass sein Leben ein wenig komplizierter war, als er es sich eingestehen wollte. Stück für Stück wurden in der Therapie die ungeklärten Felder seines Lebens freigelegt. Seine mögliche Homosexualität, die er nicht akzeptieren und ganz zulassen wollte, weil er sich fürchtete, das zu Hause zu erzählen. Er war immer der perfekte Sohn gewesen, nie hatte er sich aufgelehnt, seine Eltern waren so stolz auf ihn und seinen beruflichen Erfolg. Matthias war spät, erst mit Anfang zwanzig, ausgezogen. Seine Eltern führten keine glückliche Ehe, er war das einzige Kind. Der Therapeut versuchte ihn aus der Familienstruktur zu lösen, damit er begriff, dass er jetzt sein eigenes Leben führen musste, ohne Rücksicht auf den strengen Vater, dass es egal sein musste, was der von einem schwulen Sohn hält. Freiheit wurde das zentrale Wort der Therapie. Matthias sollte auch verstehen, dass er seine beruflichen Entscheidungen ebenfalls nur einem Menschen gegenüber rechtfertigen muss: sich selbst.

 

Und seine Panikattacken? Er hatte noch einige zu überstehen. So schnell geht das nicht. Matthias erlernte Techniken, damit umzugehen, dazu gehörte eine bestimmte Methode zu atmen, wenn es losging. Das half. Und Matthias hat heute das Gefühl, er befindet sich auf einem guten Weg. Hält er seine Angstattacken für eine Art Schicksalsschlag? Nein, sagt er, so gerne er darauf verzichten würde, müsse er sich eingestehen: Die letzten Monate seien nicht die schlechtesten in seinem Leben gewesen, "ich spüre eine neue Lebendigkeit in mir".

 

Angst: das stärkste Gefühl der Welt. Philosophen wie Søren Kierkegaard und Martin Heidegger stellten Angst ins Zentrum ihrer Denksysteme: Niemand könne sich von der Erkenntnis befreien, dass das eigene Leben endlich sei, dass jeder sterben müsse. Kierkegaard war es auch, der bereits Mitte des 19. Jahrhunderts feststellte, dass die Selbstbestimmung des Menschen eine weitere Angstquelle ist, die Möglichkeit der freien Entscheidung produziere oft Unsicherheit. Der französische Philosoph und Schriftsteller Jean-Paul Sartre sah nur eine Chance, aus dem Angstkosmos des Lebens auszubrechen: Der Mensch müsse sich dem anderen zuwenden, nur der andere Mensch, das Gegenüber, könne Halt versprechen.

 

"Beobachten, was das Angstmonster dann tut"

 

Der Therapeut Georg Eifert arbeitete lange als Professor an der Chapman University in Kalifornien und ist einer der Mitbegründer der akzeptanzorientierten Verhaltenstherapie. Er verwendet gerne das Bild des Seilziehens: Auf der eine Seite zieht der Mensch, auf der anderen Seite die Angst. Je mehr der eine zieht, desto mehr hält der andere entgegen. "Angstpatienten reagieren in der Regel anfangs immer so: Sie wollen die Angst besiegen. Und früher wurden sie darin von vielen Therapeuten unterstützt." Doch er selbst hält davon wenig, er möchte seine Patienten dazu bewegen, aus dem Seilkampf auszusteigen, einfach das Seil auf den Boden zu legen und zu beobachten, was das Angstmonster dann tut. Eifert hält nichts davon, die Angst als Feind oder Gegner zu beschreiben, "das bringt nichts. Viel hilfreicher ist es, die eigene Ängste zu akzeptieren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen." Dazu gehöre natürlich auch, zu lernen, wie man die Ängste aushält.

 

Die Ängste zu bekämpfen hat nach Ansicht von Eifert noch einen anderen Nachteil: Man nimmt sie zu wichtig. Am Ende besteht das ganze Leben nur noch aus diesen Ängsten. Er versucht eine andere Richtung: Er bittet die Patienten, ihre Angstgeschichte auf zwei Weisen zu erzählen oder aufzuschreiben, zunächst als Tragödie und dann als Komödie. Als Nächstes sollen sie von ihrem Leben erzählen, von allem, nur nicht von ihren Ängsten. Um deutlich zu machen, dass jeder so viel mehr ist als seine Ängste. Dass diese Ängste aber oft eine Botschaft haben an das Leben. Therapeut Etifert fragt seine Patienten auch gerne, was irgendwann mal auf ihrem Grabstein stehen soll. Da habe noch keiner geantwortet: Hier ruht Frau Marianne Müller, die ihre Angstneurosen gut im Griff hatte.

 

STEPHAN LEBERT
hat einen ziemlich guten Satz in dem Text nicht untergebracht, er stammt vom Soziologen Heinz Bude: "Das Einzige, was wirklich hilft gegen die Angst, ist das Lachen."

 

Zu mir hat einmal eine Therapeutin gesagt, ich solle mir die Angst als ein Wesen vorstellen: Wie sieht dieses Wesen aus? Vor allem aber: Was will dieses Wesen von mir? Mir einfach nur Angst machen? Oder will es mir vielleicht etwas sagen? Will es eine Warnung loswerden? Oder einen Ratschlag? Ist es ganz ausgeschlossen, dass es mir helfen will? Warnsystem Angst. So muss dieses Gefühl verstanden werden. Das hat Sigmund Freud gemeint, als er vom Knotenpunkt der Seele sprach. 

 

Wenn sich der Alltag in der Berliner Therapeutenpraxis verändert, wenn immer mehr Ängste bei den Menschen hochkommen, dann ist das auch ein gesellschaftlicher Warnruf. Die Angst als Knotenpunkt der Gesellschaft. Die Menschen werden verunsichert durch die politische Situation, etwa durch die Gefahren des Terrors – und reagieren darauf mit eigener Verunsicherung. Die Lösung kann nicht Verdrängen oder Vermeiden sein. Der Soziologe Heinz Bude spricht bereits von der Angstrepublik Deutschland und hat als Hauptursache die Angst vor dem sozialen Abstieg ausgemacht. Die Gesellschaft muss dringend Wege finden, die Menschen mit diesen Gefühlen nicht alleinzulassen.

 

Der Schweizer Schriftsteller Martin Suter hat einmal einen hübschen Wunsch formuliert. Er möchte sein ganzes Leben wiederholen, Liebesgeschichten, Reisen, Alltagsmomente, alles genau so, wie es gewesen ist, nur mit einem Unterschied: dieses Mal ohne Angst, ohne jede Angst. Wie herrlich wäre das denn. Vielleicht klingt dieser Wunsch auch deshalb so sympathisch, weil er leider gar nichts mit dem Leben zu tun hat.

_______________________________________________

 

Kommentar der Leserin: "greta7"    

 

Schade, dass die, bereits auch wissenschaftlich nachgewiesene, transgenerationale Weitergabe von Traumata in solchen Artikeln nur selten erwähnt wird.

 

Auch wenn die Zeit des großen Nachkriegs-Schweigens lange vorbei ist, gibt es in fast allen Familien emotional immer noch viel aufzuarbeiten. Die mentale Beschäftigung mit den Kriegsfolgen reicht nicht, um alte Gefühle aufzulösen und Familiensysteme zu heilen.

 

Und da in der konsumorientierten Ego-Gesellschaft nur Leistung und Ablenkung zählten, müssen Depression und Angst jetzt als Kanal herhalten.

 

In Zukunft wird das vermutlich noch heftiger werden. Wer verweigert, die alten Gefühle wie Wut und Angst einfach zuzulassen und zu empfinden, der wird von seinem Körper und Geschehnisse im Umfeld nachdrücklich darauf hingewiesen werden.

 

Das ist keine Panikmache sondern eine Entwicklung, die der Zeitqualität einfach entspricht.

CLICK ON THIS SITE

 

 

12. Online-Auszug 

Andreas Hechler:


Diagnosen von Gewicht.

 

Innerfamiliäre Folgen der
Ermordung meiner als 'lebensunwert' 
diagnostizierten Urgroßmutter

 

Click here zu einem "aktion-menschen"-Interview mit Andreas Hechler ...

 

 

Der lange Atem von Scham & Schuld | Familiengeheimnis der Familie Frick | SWR2 Tandem | Audio-Feature

zum Audio-Feature auf das Bild clicken ...

Julia Frick aus Lambsheim in der Pfalz ist Mitte 20, Studentin, hat viele Freunde und einen festen Freund. Doch seit ihrem 18. Geburtstag zieht es sie auch in die Vergangenheit. An diesem Tag träumt sie von ihrem Großvater, der 1941 starb und über den in der Familie nicht gesprochen wird. Was sie dann herausfindet, erschüttert die ganze Familie: Ihr Opa war Opfer des Euthanasie-Programms der Nazis. Nicht weil er behindert gewesen wäre: Sein Schwager, ein SS Offizier, ließ ihn wegen eines simplen Nervenzusammenbruchs einliefern - obwohl er wusste, was das bedeutet. Julia will ihren Großvater wieder ins Gedächtnis der Familie holen und bringt Menschen, die jahrzehntelang geschwiegen haben, zum Reden.

 

Weitere Links hierzu: Click here

& here

CLICK zum FLYER des "Arbeiskreises für intergenerationelle Folgen des Holocaust"
DLF-Dossier zu Familiengeschichten aus der Zeit der Holocausts - CLICK ON THIS PICTURE - und dann auf "HÖREN" clicken ...