ZUR DISKUSSION GESTELLT: PSYCHIATRIE IM DILEMMA


DAS DILEMMA DER VIELFALT IN DER PSYCHIATRIE - GESTERN - HEUTE - UND ...

 

Erst seit etwa einem halben Jahrhundert hat das konstruktivistisch-systemische Denken seinen Einzug in wohl alle Wissenschaften gehalten - und somit hat die NS-Psychiatrie davon (noch) nicht profitieren können und wohl auch nicht wollen:


Das Denken in Diversität  war unbekannt - und galt - wenn schon - allerhöchstwahrscheinlich als abgehobene "Spinnerei", "artfremd", "jüdisch" und "undeutsch" ... In der damals von oben verordneten "völkisch-arischen" Kunst und Kultur machte sich das deutlich bemerkbar... Die Vielfalt konstatiert immer ein Nebeneinander verschiedener Individuen und Kulturen und Meinungen und ist äußerst anspruchsvoll, wenn man sich nicht in all der sich auftuenden Komplexität verlieren will  ... "Ein Volk - ein Reich - ein Führer" - das ist geradezu das Gegenteil davon ... - und tumb im Gleichschritt hinter verordneten Anweisungen im Gleichschritt her zu marschieren ist sicherlich einfacher, als selbstständig zu versuchen, das eigentlich vorfindbare Chaos zu bewältigen und "intakt" zu bleiben ...


Aber das Grunddilemma aller Psychiatrie und "Seelenkunde" ist vielleicht doch eher ein fehlender physiologisch exakt messbarer und beschreibbarer allgemeingültiger "Ur"-Bezug ...: Für "Seele" gibt es viele viele Definitionen - und der Arzt Dr. Rudolf Virchow hat zwar viele Leichen seziert, "aber nie eine Seele dabei gefunden"... Das Dunkle und je nach Gusto irgendwie Deutbare war schon vor der NS-Eugenik in der Psychiatrie genauso wie heutzutage: 


Der normale medizinisch arbeitende Arzt ist in einer Situation, in der er eine einigermaßen klare und wissenschaftlich untermauerte Idee des normalen Funktionierens des menschlich physiologischen Körpers oder eines Organs hat. Die Körpertemperatur ist beispielsweise bei 36° bis unter 37° C. - darunter- und darüberliegend angezeigte Werte auf dem Fieberthermometer zeigen zugleich einen ansteigenden pathologisch krankhaften Wert an, dessen Ursache man nun erkunden muss, um ggf. zu heilen ... 


So ist es also für den Mediziner sinnvoll, bei Abweichungen und Störungen der physiologischen Normalität von Pathologien zu sprechen ... - Aber was bitteschön können denn Abweichungen und Störungen einer seelischen innerpsychischen "Normalität" oder eines (wen oder was auch immer) "störenden" Verhaltens sein ... - an denen also zumindest virtuell die Psychiatrie herumdoktort???

 

Die Psychiater und Psychotherapeuten glauben naiverweise, dass sie auch irgendwelche Normen bestimmen könnten in ihrem Feld. Nur - wenn man zu untersuchen beginnt, wer da was für normal hält, kommt man in die größten und zum Teil auch lächerlichsten Probleme hinein. Zum Beispiel gibt es in Amerika das sogenannte DSM, Diagnostical and Statistic Manual. Damit ist man jetzt bei der fünften überarbeiteten Version angelangt, DSM-5 (Link zu einem SPIEGEL-Artikel dazu anclicken ...). Das ist eine kompliziert ausgeklügelte Auflistung aller nur möglichen seelischen und geistigen Störungen, auch psychosomatischer Art. Als man zum Beispiel seinerzeit von DSM-II zu DSM-III überging, wurde aufgrund gesellschaftlichen Drucks die Homosexualität nicht mehr als Störung aufgeführt. So hat man mit einem Federstrich Millionen Menschen von ihrer »Krankheit« geheilt. Einen solchen therapeutischen Erfolg findet man wohl nur selten, mein dazu Paul Watzlawick... 


Dieses Beispiel des großen konstruktivistisch-systemischen Kommunikationswissenschaftlers, Psychotherapeuten, Soziologen, Philosophen und Autors Paul Watzlawick stellt also bei allen nicht exakt messbaren therapeutischen und der Interpretation bedürfenden Verfahren das Fehlen einer allgemeingültigen Ausgangswirklichkeit fest ... Das DSM ist also auch immer ein Spiegel der gesellschaftlichen und charakterlichen Vielfalt und Buntheit - und der "Moral" von selbsternannten Sittenwächtern ...

Und das Fehlen dieser einen einzigen gültigen Wirklichkeit impliziert immer Diversität und in diesem Falle verschiedenste menschliche "Typen" und Verhaltensformen in den unterschiedlichsten Ausprägungen...

 

Man ist im psychiatrisch-psychotherapeutischen Feld seit ein paar Jahrzehnten zwar dazu übergegangen, die sogenannte »Wirklichkeitsanpassung« - oder auch die idealtypischen »Normalformen« vielfältiger zu gestalten  - aber doch weiterhin quasi per "wissenschaftlicher" Fachautorität und normgebender Verschriftlichung  und Veröffentlichung in den bibelähnlich für das Fachpublikum als verbindlich erklärten Publikationen gewisse "Setzungen" vorzunehmen - auch noch ganz im Sinne des "Jedem das Seine", in dem man ihn nicht selbst fragt, was seine Normen sind, sondern sie irgendwie von außen beschreibend über ihn stülpt und bewertet - und so hat das auch noch weiterhin etwas von einem Kulturdiktat wie aus der NS-Zeit - als das somit jeweils "festgelegte" Kriterien eben als "menschliche Normalität" aufzufassen sind - auf das man sich nun mühsam "unter Abwägung aller Wenn's und Aber's" "geeinigt" habe - was also nicht mehr nur von irgendwoher angeordnet wird. Die Herausbildung der Norm ist also mittlerweile demokratischeren Verfahren zugeführt worden - theoretisch jedenfalls ... - doch immer stärker drängen inzwischen - um der Umsatzsteigerung willen - auch pharmazeutische Lobbyisten ins Geschehen aller therapeutischen Normenansetzungen - und damit der Festlegung von "Normal" vs. "Krank" ...

 

Auf den ersten Blick scheint eine solche nun vielfältiger untermauerte Normensetzung praktisch, vernünftig und ganz brauchbar. Sie hat nur den entscheidenden Fehler: dass sie einem wissenschaftlich-erkenntnistheoretischen Irrtum erliegt.


Denn es setzt naiverweise voraus, dass es eine wirkliche Wirklichkeit gibt, deren sich die "Normalen" - in der Psychiatrie vor allem die Therapeuten und Psychiater - durchaus klar und bewusst sind, während die Klienten und Patienten ein verzerrtes Bild dieser Wirklichkeit in sich tragen. 


Ja - was ist denn schon Wirklichkeit? Na ja, das ist so, wie die Dinge eben wirklich sind. Aber - das hängt ganz davon ab, wie der jeweilige Mensch, Arzt, Psychotherapeut, Psychiater jeweils glaubt, dass die Dinge wirklich sind oder sein sollten. Jeder setzt sein ureigenes Erleben als Norm für alle und alles ... Wir lesen das ja schon in den Kritiken und Besprechungen der gleichen Veranstaltung oder des gleichen Romans z.B. von verschiedenen Rezensenten - oder bei den verschiedenen Zeugenaussagen bei einer Gerichtsverhandlung über den gleichen Unfalls z.B. ....

 

Das waren und sind immer noch die Problematiken der Psychiatrie - und erst recht vor 85 - 70 Jahren die der NS-Eugenik-Psychiatrie, die die sicherlich wichtigen und in gewisser Weise nun endlich ebenfalls messbar nachprüfbaren - aber tatsächlich auch zu vernachlässigenden - Erblehren Mendelscher Gesetze und die "Eugenik", die sich aus dem Sozialdarwinismus entwickelte - nämlich aus Darwins Theorie „Survival of the Fittest“ -  mit der  Ansicht, man könne die Menschen selektieren , um eine reine, fitte Masse zu erhalten. Diese Theorie wurde auf die Gesellschaft im Nationalsozialismus angewandt und hieß fortan "Rassenhygiene" - und wurde nun zum Grundstock aller Charakterbildung und zur Herausbildung einer entsprechenden Rassenideologie verformt. Dieser so theoretisch vorgestellte quasi "gezüchtete" "gesunde Volkskörper" sollte in all seiner möglichen Vielfalt und Diversität so rigoros gestutzt und eingeschränkt werden - eben zu dem, was man als "artgerecht" und "teutsch" moralisch für richtig und prägend und dem "kranken Volkskörper" als zuträglich empfand ...:
Man wollte Menschen - und in der Masse diesen "Volkskörper" - gottähnlich nach ganz bestimmten "Bildern formen", die nun in Person Adolf Hitlers ein gelernter Anstreicher und eugenisch-medizinischer Laie maßgeblich formulierte und auch rigoros durchsetzte ... - und alles "Fremdrassige" und "Kranke" herausschneiden, "niederführen" und "ausmerzen" ... - wie "Unkraut" - was es inzwischen gottseidank im Sprachgebrauch ja auch immer weniger gibt - weil ja jedes Kräutlein im Großen und Ganzen sicherlich seinen unverbrüchlichen Sinn hat - und vielleicht sogar just zur Bekämpfung dieser einen seltenen Krankheit gewachsen ist... 

 

Philosophisch ist die Annahme einer solchen "Einheits"-Wirklichkeit eigentlich spätestens seit Kant, Hume, Schopenhauer unhaltbar. Sie war es allerdings auch schon in der Antike; schon Epiktet verwies im 1. Jahrhundert nach Christus darauf, dass es nicht die Dinge sind, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben. Man könnte sagen, dass schon in der Gedankenwelt Epiktets eine sehr konstruktivistische Grundhaltung gegeben ist ...  

 

mit Textbausteinen von: Watzlawick, Paul (1994). »Berufskrankheiten« systemisch-konstruktivistischer Therapeuten. In: Schweitzer, Jochen; Retzer, Arnold & Fischer, Hans Rudi (1994). Systemische Praxis und Postmoderne. Frankfurt: Suhrkamp. 

 

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