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Schocktherapien um 1940 - die damals modernsten Therapien in der Schizophrenie-Behandlung

Die Schocktherapien waren um 1935 - 1945 die "modernsten" Mittel der Wahl zur Behandlung der Schizophrenie weltweit.

 

Erna Kronshage wurde von Anfang an in Gütersloh mit Cardiazol-Schocks "behandelt".

 

In allen "modernen" Psychiatrie-Kliniken wurden Schocktherapien angewandt: zunächst mittels Insulin, dann immer mehr mit Kampfer bzw. Cardiazol/Metrazol - und schließlich der Elektroschockkrampf - evtl. auch eine Kombination dieser Auslöser untereinander.

 

Mit all diesen Methoden wurde zumeist eine mehrtägige Behandlungs-Serie von epileptischen Anfällen ausgelöst, die dem "inneren Spannungsabbau" in der Schizophrenie  - bzw. einer Neu-Regulation von bisher pathologischen geprägten Nerven- und Hirnverzweigungen hin zu "normalen" Ablaufbahnen - zugute kommen sollten.

 

Noch heute ist der relativ komplikationslose Elektroschock für einige Patienten das Mittel der Wahl - allerdings müssen die Patienten heutzutage zu dieser Behandlung ihre Einwilligung geben, werden leicht narkotisiert und bekommen muskelentrampfende Mittel injiziert, was vor physischen Komplikationen (Knochenbrüche) zu schützen vermag.

 

Zu Erna Kronshages Zeiten waren diese Zwangsanwendungen in deutschen NS-Psychiatrien hauptsächlich Mittel zur rabiaten Disziplinierung und zur Brechung des Eigenwillens.

 

Die Theorie des "Spannungsabbaus" ließ sich in den 50er/60er Jahren nicht länger aufrecht erhalten.

Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, ob und welche hirnorganischen Reaktionen auf die Anfälle zu einer Linderung der schizophrenen Schübe führen könnten.

 

Insofern ist die Schockbehandlung am lebenden Menschen immer noch auch ein "Versuch" am lebenden Menschen, da keine eindeutigen vorhersagbaren gleichbleibende Resultate erzielt werden können.

 

Als seriös getestetes "Medikament" würden die Schocktherapien nicht "zugelassen" werden können...

 

Die Lobotomie (s.d. Video unten - Freeman ab ca. 1940), bei der die Nervenbahnen zwischen Thalamus und Frontallappen sowie Teile der Grauen Substanz durchtrennt werden, ist eine "wissenschaftliche" radikale Weiterentwicklung neben den Schockanwendungen, die ebenfalls auf der Theorie eines irgendwie gearteten "Spannungaufbaus im (kranken) Gehirn" "funktionierte", in dem ein solcher pathologischer Spannungsaufbau rigoros verhindert werden sollte.

Sie wurde ursprünglich zur Schmerzausschaltung in extrem schweren Fällen angewendet, dann bei agitierten psychischen Erkrankungen wie Psychosen und Depressionen. Als Folge der Lobotomie tritt eine Persönlichkeitsänderung mit Störung des Antriebs und der Emotionalität auf.

 

 

Über die Wirkungsweise der Schockbehandlung - aus: A. Ebbinghaus, Heilen und Vernichten im Mustergau Hamburg, 1984, S.143, Sp. 2

"Die Psychiater wußten, was sie taten, als sie zu diesen »aktiven« Behandlungsformen griffen. So schreibt Kögler, ein Assistent von Bürger-Prinz: »Es handelt sich beim Insulinschock — und noch eindeutiger beim Cardiazolschock — um einen reichlich brutalen somatischen Eingriff, der im wesentlichen etwas völlig Persönlichkeitsfremdes darstellt und sich somit der psychologischen Ausdeutung entzieht«. Durch den Schock werden bei dem Patienten körperliche Schwäche und insgesamt Hilflosigkeit erzeugt, »die durch Wiederherstellung des verlorengegangenen affektiven Rapports den Weg für psychotherapeutische Führung frei machen. ... Der Schock selbst mit seinen tiefgreifenden vegetativen und sonstigen zerebralen Einwirkungen mag vielleicht durch eine bedeutsame Erschütterung des vitalen Persönlichkeitskernes das noch immer so rätselhafte biologische Geschehen bei der Schizophrenie günstig beeinflussen«. Die zu behandelnde Krankheit war rätselhaft, die Wirkungsweise der Behandlung unbekannt, aber es wurde weiter geschockt. Der angeblich therapeutische Wert, den die Hamburger Ärzte dem Schock zumessen, bietet mehr Anlaß zu Deutungen über sie selbst, als über den Nutzen dieser Behandlungsform: »Es wird also durch den Schock gleichsam eine Zäsur (Bürger-Prinz) gesetzt und dem Kranken danach die Verdrängung erleichtert und gleichsam die Möglichkeit eines neuen Anfanges gegeben. Für diese Fälle, die Besonnenheit und Differenziertheit der Kranken voraussetzen, spielt die Insulinkur tatsächlich die Rolle einer 'Vergessens-kur' ... und man hätte Berechtigung, das Auftauchen aus dem Schock in der hypoglykämischen Euphorie als 'Wiedergeburtserlebnis' zu bezeichnen«."

DIE TODESANGST IM SCHOCK: Philipp Rau: Therese W. - Zwischen den Welten -

... aus "Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst - Lebensgeschichten von Opfern der nationalsozialistischen "Euthanasie",

Hrsg. v. Petra Fuchs, Maike Rotzoll, Ulrich Müller, Paul Richter und Gerrit Hohendorf, Wallstein Verlag, 2007, - S.327:

Die anfänglichen Fortschritte durch die Cardiazolbehandlung waren jedoch nur die eine Seite. Therese selbst muss die Schocktherapie dagegen als sehr quälend empfunden haben. Während der Behandlung war sie einige Tage zu Hause. Dort äußerte sie im Kreis der Familie sehr große Angst vor der Fortführung der Behandlung und wollte unter keinen Umständen zurück in die Heil- und Pflegeanstalt Pirna. Ludwig, die gesundheitlichen Fortschritte seiner Frau vor Augen, insistierte aber auf dem zu Ende führen der Cardiazolschocktherapie. Die Angst Thereses vor der Fortführung der Cardiazolbehandlung verwundert nicht. Sowohl die Insulin- als auch die Cardiazolschocktherapie sind sehr drastische Maßnahmen, die auf massive Weise in den Organismus des Menschen eingreifen. So wirkt Cardiazol unmittelbar auf das Zentralnervensystem und erzeugt epilepsieähnliche Krämpfe. Vor allem aber lösen beide Schockbehandlungen bei den Patienten einen existenzbedrohenden Zustand aus, der im Cardiazol-schock von dem Betroffenen auch subjektiv als tiefe Angst auslösendes Vernichtungsgefühl erlebt wird. Man versetzt also einen Menschen, der an einer psychischen Störung leidet, in einen Zustand eines um sein Leben kämpfenden körperlich Kranken.

1947: Symptomatologie des Cardiazolkrampfes ...

Aus der Schrift: A. v. Braunmühl: Insulinshock [sic!] und Heilkrampf in der Psychiatrie, 1947
Zu Cardiazol und Azoman, S. 132/133 - Symptomatologie des Cardiazolkrampfes ...
Braunmühl.pdf
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google-Vorschau: Heinz Schott/Rainer Tölle: Geschichte der Psychiatrie, 2006

s. hier besonders S. 474 ff

Freeman schrieb ohne Beschönigung: "Die Psychochirurgie erlangt ihre Erfolge dadurch, dass sie die Phantasie zerschmettert, Gefühle abstumpft, abstraktes Denken vernichtet und ein roboterähnliches, kontrollierbares Individuum schafft."