Karl Binding - Alfred Hoche: DIE FREIGABE DER VERNICHTUNG LEBENSUNWERTEN LEBENS - Ihr Maß und ihre Form

- Leipzig 1920 - 2. unveränderte Auflage 1922

1920 erscheint die Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens" von dem Psychiater Alfred Erich Hoche (geb. 1865) und dem Juristen Karl Binding (geb. 1841).

 

In diesem Werk befürworten sie eine Art Sterbehilfe bei Todkranken -sowie die Tötung "minderwertiger" kranker und behinderter Menschen. Da sämtliche "Euthanasie-" bzw. Krankentötungs-Befürworter in der NS-Zeit sich auf dieses Buch berufen, sei es im Folgenden komplett "gelinkt".

 

Unter dem Eindruck der wirtschaftlichen Krisenstimmung in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg - und ausgehend von der utilitaristischen Denkweise der Kosten- Nutzen- Aufrechnung von menschlichen Lebens erstellte Hoche einen Katalog, welche Menschen zu den „unheilbar Blödsinnigen“ oder den im „Zustand geistigen Todes“ Befindlichen gehörten. Die größte Belastung für die Allgemeinheit stellten die „Vollidioten“ dar, da sie unproduktiv seien und dem Nationalvermögen durch fürsorgerische Leistungen, die sie empfingen, eine ungeheure Kapitalmenge entzögen.

 

Binding schrieb: „Sie (die besonders "Blödsinnigen") haben weder den Willen zu leben, noch zu sterben. So gibt es ihrerseits keine beachtliche Einwilligung in die Tötung, andererseits stößt diese auf keinen Lebenswillen, der gebrochen werden müßte. Ihr Leben ist absolut zwecklos, aber sie empfinden es nicht als unerträglich. Für ihre Angehörigen wie für die Gesellschaft bilden sie eine furchtbar schwere Belastung. Ihr Tod reißt nicht die geringste Lücke- außer vielleicht im Gefühl der Mutter oder der treuen Pflegerin. Da sie großer Pflege bedürfen, geben sie Anlaß, daß ein Menschenberuf entsteht, der darin aufgeht, absolut lebensunwertes Leben für Jahre und Jahrzehnte zu fristen (...) Wieder finde ich weder vom rechtlichen, noch vom sozialen, noch vom sittlichen, noch vom religiösen Standpunkt aus schlechterdings keinen Grund, die Tötung dieser Menschen, die das furchtbare Gegenbild echter Menschen bilden und fast in jedem Entsetzen erwecken, der ihnen begegnet, freizugeben.“

 

Dieses "Werk" war der "Schlüssel" zur Diskussion über die NS-Euthanasie. Und die "Haltung" dieser beiden Herren sollte in den folgenden 20 Jahren eine moralische Maxime darstellen im Umgang mit kranken und behinderten Menschen.

Binding - Hoche 1920/1922
Die - wenn auch umstrittenen - Star-Wissenschaftler ihrer Zeit: Psychiatrieprofessor Alfred Hoche - hier als Redner 1931 bei der Eröffnung einer Medizinischen und Chirurgischen Klinik - Foto: Uni-archiv - und Dr. Karl Binding