Ludwig Altenbernd (* 24. November 1819 in Augustdorf; † 11. April 1890 in Detmold) war ein deutscher Heimatdichter, Privatlehrer und Rechnungsbeamter.

Der Heimatdichter Ludwig Altenbernd (1819–1890) verbrachte seine Jugend in Augustdorf und hat 1872 seine Eindrücke und Beobachtungen zu Papier gebracht:

 

Die Senne.

 

Hier ist der Ort, die alte Stätte,

Wo auf der Heide dürrem Sand

Vor langer Zeit mein Wiegenbette

Im engen Vaterhause stand.

Das Vaterhaus! - Von dieser Stelle

Längst schwand es in der Jahre Lauf,

Und gastlich nimmt die fremde Schwelle,

Das fremde Dach den Wandrer auf.

 

Auf dieser Flur, so öd und stille,

Sang, als der lange Winter schied,

Die Heidelerche und die Grille

Dem Knaben einst das Wiegenlied.

Ich mein', ich müßt' ihn heut' noch hören,

Den Nachtwind in den Wipfeln hoch,

Wie durch die Birken, durch die Föhren

Es wunderseltsam rauschend zog.

 

Es klang, es sang wie leises Klagen,

Daß sie noch lag - wenn rings die Au

Sich schmückte in den Maientagen -

Im Alltagskleide Grau in Grau;

Daß sie gemieden und vergessen, 

Das blöde Stiefkind der Natur,

Im Winkel stand, wenn unterdessen

So bräutlich lachten Wies' und Flur.

 

Da wob, als längst der Mai verglühte,

Der Sommer ihr das Hochzeitskleid,

Flocht ihr ins Haar die Heideblüte.

Und schön in ihrer Dürftigkeit,

Der Armut Kind im schlichten Kleide

Bestrickt sie dich, du weißt nicht wie.

Das ist die Poesie der Heide,

Der stillen Senne Poesie. -

 

Es raucht kein Schlot auf dieser Fläche,

Hier schimmert nicht der Öfen Licht;

Es frohnen Dampf und Mühlenbäche

Und laute Hammerwerke nicht.

Hier frohnt der Mensch mit seinem Arme,

Vom Frührot bis der Abend graut,

Schier unermüdlich, gleich dem Schwarme

Der Bienen hier im Heidekraut. 

 

Fern von der Straße, die der volle,

Der breite Strom des Lebens rollt,

Hängt er an seiner dürren Scholle

Und nimmt gelassen, was sie zollt:

Des Feldes karg gemessne Gaben,

Den Bienenfleiß der Sommerzeit;

Zufrieden, wenn gefüllt die Waben

Und wenn die Knollenfrucht gedeiht.


Schon früh in meiner Kindheit Tagen

Hat mir von hier mein Lebenslos

- Ich dank es ihm! - hinweggetragen

In reich geschmückter Fluren Schoß;

Wo mit den fruchtbelad'nen Auen

Sich mischen Wald und Wiesengrün,

Wo Herden läuten, Berge blauen

Und silberhelle Bäche ziehn.

 

Da trank ich an dem frischen Borne

Der vielbewegten Gegenwart,

Und nahm, was in gefülltem Horne

Mir Lieb' und Leben aufgespart.

Die neue Zeit mit mächt'gen Schwingen,

Dem Großen, was sie angestrebt,

Hab' ich gesehn in ihrem Ringen

Und mitgefühlt und mitgelebt.

 

Und dennoch! - Mitten in der Fülle

Des Lebens oft und der Natur

Zieht's wie ein Heimweh mich zur Stille,

Zum Frieden dieser Heideflur.

So kreist die Schwalbe ums Gemäuer,

Wenn heimwärts sie vom reichern Süd

Zum alten Nest an alter Scheuer

Am sonn'gen Frühlingstage zieht.
 

– Ludwig Altenbernd: (zitiert nach Heimatdichtung / von Heinrich Schwanold

Erschienen: Meyer, Detmold 1923

Online-Ausg.: Lippische Landesbibliothek, Detmold 2012)

Arbeiterinnen der Senne


Im kurzen Linnenkleide,

Das Haar zerzaußt vom Wind,

Irrt baarfuß durch die Haide

Der Senne braunes Kind.

 

Halb los die blonden Flechten

Und Stirn und Arme bloß,

Den Korb in seiner Rechten

Ein echter Haidesproß!

 

Indeß die dunkeln Föhren

Der Morgenwind durchstreift,

Sucht's emsiglich die Beeren,

Die der August gereift.

 

Die Beeren am Gesträuche,

Nicht für der Mutter Tisch;

Für Städter und für Reiche,

So ladend roth und frisch.

 

Und an derselben Stelle

Da sammelt auch zugleich

Das Bienlein, sein Geselle,

Im blühenden Gesträuch.

 

Den Blüthenstaub, den schweren,

Den süßen Honigseim;

Doch gleich des Mägdleins Beeren,

Nicht für das eigne Heim.

 

So ziehen Sie von hinnen,

Ob lang der Tag und heiß,

Die beiden Sammlerinnen,

Mit unverdroßnem Fleiß.

 

Rings glänzt im Blüthenprangen

Die Senne weit und breit;

Braun wie des Mädchens Wangen

Ihr prächtig Sommerkleid.

 

Glühn dann im Abendlichte,

Bewegt von keinem Hauch,

Die schlanke Birk' und Fichte

Und der Wachholderstrauch:

 

Dann heimwärts mit den Gaben

Der Haide ziehn beschwert,

Das Bienlein zu den Waben,

Das Mägdelein zum Heerd.

Von Ludwig Altenbernd, in: Reben und Ranken -Gedichte, Detmold 1895