Warum ein GEDENKBLOG ???

Spurensuche - der Sache nachgehen ...

 

 

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Aufarbeitung der Opferbiographie meiner Tante.

 

Erst jetzt mit Hilfe von Internet und Mailverkehr kommt man rasch an die benötigten Informationen, die gerne früher auch von Familie, Ämtern und Institutionen "vertuscht" wurden.

 

Als ehemaliger Heimleiter und sozialpädagogische Fachkraft - heute im Ruhestand - bin ich auch "beruflich" an diesem Schicksal interessiert, denn die in der Sozialarbeit tätigen Menschen stehen ja quasi in der "Rechtsnachfolge" der mit den Geschehnissen damals zumeist zwangsweise "verstrickten" Mitarbeiter in Psychiatrie und Verwaltung unter der Nazi-Herrschaft.

 

Es ist meines Erachtens sehr wichtig, das Wissen zu diesen grausamen Geschehnissen der NS-"Euthanasie" gerade auch den jüngeren Generationen und Berufskollegen bekannt zu machen und wach zu halten. Deshalb ein Gedenk-, Werk- und Dokublog - auch für Unterrichtsmaterialien an Schulen, in Kursen, in der Geschichtswerkstatt usw.

 

Mich erschreckt immer wieder neu nach all den Jahren der Recherche diese "todsichere" Konsequenz:

  • mit der wenig seriös und wenig profund gestellten Diagnose "Schizophrenie", mit den manchmal vielleicht "eigenartigen" aber (heute) allzu verständlichen Reaktionen Erna Kronshages auf - intern und extern - erlebte Lebenssituationen (z.B. Bombardierung des Nachbargehöfts - "Vereinsamung" als 11. und jüngstes Kind einer Großfamilie durch den Fronteinsatz als Soldaten der älteren Brüder und durch Heirat der Schwestern) - bzw. auch auf die Anfallsserie von plötzlich vielleicht 20 - 30 Grand-mal-Anfällen durch die damals "modische" und angeblich beruhigende "Cardiazol-Schockbehandlung" als Mittel der Wahl neben der "Arbeitstherapie".
  • In diesem jungen Alter dann bereits in einen solchen exakt organisierten Vernichtungssog gezogen zu werden, einem Mix aus vorsätzlichen und manchmal wohl auch zufällig zu bewertenden "Bedingungen", aus der arbeitsteiligen Zusammensetzung partikularer Täter-Teilhandlungen mit der Allgemeinverantwortung einfach pulverisiert wurde: bis zum Schluss niemand mehr "schuldig" war - also der tödlich gnadenlosen Konsequenz, die in dieser Aufteilung in Einzelschritte des grausamen Tuns unweigerlich und "todsicher" bis zu seinem mörderischen Endziel führt ... 
  • Selbst die durchaus mutigen und tapferen Einsprüche des alten Vaters gegen die Zwangssterilisation und die "Androhungen", sie als minderjährige Tochter "bald aus der Anstalt holen" zu wollen, konnten das nicht aufhalten.
  • Und dann wiederum eben diese postumen "menschlichen" Reaktionen der Familie: Das Durchsetzen der Beerdigung im heimischen Sennesand mit Überführung der Leiche aus Gniezno auf eigene Rechnung (zu jener Zeit ziemlich unüblich) - die heimliche Leichenschau in der Schreinerwerkstatt des Vaters - die Eintragung ins Sterbebuch "Unbekannte Todesursache"durch den Pastors, obwohl er die "offizielle" amtliche Todesursache einer "Allgemeinen Erschöpfung" ja durchaus wahrgenommen hatte ... - und dann das Verschweigen, das Verdrängen, das Ausblenden in der Großfamilie - über Erna wurde nicht gesprochen ...

 

Mir liegt daran, eindeutig festzustellen, dass die "Psychiatrie" seit der Antike in all den Epochen bis zur heutigen Postmoderne immer eine "Kontinuität" in der gesellschaftlichen "Ausblendung" hinzunehmen hatte.

Insassen der Psychiatrie waren in all diesen Zeiten auch "Spielball" und "Spiegelbild" der jeweiligen ärztlich-wissenschaftlich und gesellschaftlich gesetzten Verhaltensmaxime und Normen - des jeweiligen Zeitgeists.

Eine vorurteilslose "Annahme" dieses Nächsten in seiner jeweiligen Andersartigkeit, der einfach anders ist und einfach anders zu sein hat - als Ausdruck "natürlicher vielfältiger Schöpfung", ohne jede Separierungsideen, ohne jede Be-sonderungen, ist bis heute leider ein noch unerreichtes Ziel.

 

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