Ein "Stolperstein" zum Gedenken an Erna Kronshage | gelegt am 06.12.2012 - kurz vor dem 90. Jahrestag ihres Geburtstages

Inklusion und die Aufarbeitung der NS-Gewalt

Für die einen sind sie eine mit Füßen getretene "Ehrung im Straßenschmutz". Für die anderen bedeuten sie Innehalten und Verbeugung: die "Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig, der mit diesen Messingplaketten im Boden an die Einzelopfer der NS-Gewaltherrschaft erinnert. 

 

Auch im Sinn der derzeitig gesellschaftlich diskutierten Prämisse einer allgemeinen "Inklusion" und der vieldiskutierten Fremdenfeindlichkeit mit ihrer immer noch durch Vorurteile belasteten Scheu vor "Andersartigkeiten" - wird es höchste Zeit, die radikal ausgegrenzten und durch die NS-"Exklusion" brutal separierten, "niedergeführten" und "ausgemerzten" NS-Gewaltopfer in die Erinnerungsarbeit und ins Gedenken - ganz selbstverständlich - mit in unseren allgegenwärtigen Alltag hineinzunehmen, um die Umstände dieser Gewalt und Menschenverachtung auch heute gesellschaftlich aktuell zu kommunizieren. Und über einen "Stolperstein", 10 x 10 cm klein, stolpert man nicht tatsächlich, aber er legt sich uns in den Weg - gibt Anstoß - und man darf daran Anstoß nehmen - und ins Gespräch kommen ...


Denn: "Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst", schreibt der Sozialpsychologe Harald Welzer in Anlehnung an Jean Baudrillard ...

 

Diese europaweit aktive Stolperstein-Aktion des Künstlers Gunter Demnig ist die sicherlich zur Zeit bedeutendste Initiative, eben diese längst abgespaltenen Schicksale in das gesellschaftliche Kollektiv-Bewusstsein zurückzubeordern - und ist damit ein notwendiger Teil erfolgreicher gesellschaftlicher und auch individueller innerer Inklusion und Gewaltprophylaxe.

 

Vielleicht einfacher ausgedrückt: Zur einer "inneren Barrierefreiheit" gehört auch das Anstoß nehmen und die permanente und erfolgreiche Aufarbeitung all der Schrecklichkeiten, Schranken und Hindernisse durch die NS-Herrschaft, die das kollektive schlechte Tätergewissen auch unserer Altvorderen über all die Jahre hinweg einfach längst verdrängt und so zu einem zähen fast undurchdringlichen Wust in uns allen Nachgeborenen kollektiv aufgetürmt und verdichtet hat ... - eine solche kontinuierliche Aufarbeitung dient jedoch dem allmählichen Abbau dieser inneren Sperren - durch die Integration der Geschichte und der Geschichten und durch die Hineinnahme in den individuellen Alltag - und eben nicht die Verdrängung oder das Leugnen - durch "Abspaltung" oder durch die Zuweisung in besondere separate Gedenk-Sonderareale [von wegen: die "Gnade der späten Geburt" - H. Kohl]

 

Zu der von der prominenten Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKM) Charlotte Knobloch auch in der Vergangenheit mehrfach geäußerten kritischen Haltung zu den Stolpersteinen: "Menschen treten auf die Stolpersteine oder gehen achtlos über sie hinweg", ist festzustellen, dass jede Art von öffentlich aufgestellten Gedenkstätten und Denkmälern, seien sie an den Wänden und Mauern befestigt und damit aufgehängt [!] oder auf den Boden gestellt und verankert oder im Boden verlegt, immer in der Gefahr sind, von Andersdenkenden geschändet zu werden, mit Graffitis besprüht und im Übermut beschmiert zu werden, zerstört zu werden ... 
Auch auf den Stelen des zentralen Berliner Mahnmals für die Holocaust-Opfer ruhen sich die Schüler und Jugendlichen von den nächtlichen Eskapaden ihren Klassenfahrten aus, und wegen schlechten Betons bröckeln die Stelen bereits hier und da ...

 

Anders als Knobloch äußert sich der neue Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, der seit Jahren das "tolle Projekt" der Stolpersteine unterstützt. "Die kleinen Messingsteine lassen uns immer wieder mitten im Alltag innehalten", sagte Schuster jetzt in Würzburg. Durch die Steine werde einem bewusst, dass die Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft "mitten unter uns" gelebt hatten: "Es waren Nachbarn. Und auch wenn es heute keine Angehörigen mehr gibt: Sie sind nicht vergessen."

 

Gunter Demnig hat die Stolpersteine wohl bewusst nicht als "Grabsteine" oder Grabstein-Ersatz konzipiert, sondern als "Gedenkzeichen", als 10 x 10 cm kleine Hinweisschildchen - wie Hausnummern vielleicht, nur dass eben hier statt der Nummern die echten Klarnamen der Opfer genannt werden - man kann davor stehenbleiben, beim Lesen des Namens den Kopf beugen - und sich so auch ein wenig vor dem Opfer verneigen - einfach kurz innehalten ... - Ein "Stolperstein" legt sich uns direkt in den Weg  - an einer Gedenktafel läuft man wohl zumeist vorbei und vorüber ...

 

Boden-Denkmäler sind eine bewährte Form historischer Erinnerung. Vor dem Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität in München [!] erinnern Bodenkeramiken des Bildhauers Robert Schmidt-Matt seit 1988 an die Mitglieder der Weißen Rose. Wie die Flugblätter, die Sophie und Hans Scholl einst in den Lichthof der Universität warfen, liegen sie da. Wird die Erinnerung an die Geschwister Scholl an diesem Ort damit mit Füßen getreten?


Nicht die Opfer oder die "Erinnerung" werden beim Darübergehen "mit Füßen getreten", sondern wenn überhaupt, diese kleinen Hinweisplaketten, die als ein Gedenk-Angebot zu werten sind, an denen man Anstoß nehmen soll  - und die Anstoß geben sollen - zum Erinnern, Nachdenken und zur Diskussion ...

 

Die dezentrale Form dieser Gedenkkultur nimmt das Einzelopfer in den Blick - und in den "alltäglichen" schnöden Alltag - und lässt so erahnen, welch ungeheures Ausmaß die NS-Verbrechen in den einzelnen Familien und Gemeinden und in den Nachbarschaften angenommen hatten - und wie überall - bis in den letzten Winkel hinein - die tödliche Jagd auf Menschen gemacht wurde, die nach der faschistischen Ideologie der Nationalsozialisten als "Andersartig" und deshalb als "Bedrohung" für "Blut und Erbgut" eines willkürlich definierten "arischen Volkskörpers"aussortiert wurden  ...

 

Zentrale besonders "feierliche" und pompös gestaltete und errichtete Gedenkstätten werden vielleicht bei offiziellen Kranzniederlegungen und zu entsprechenden Gedenkdaten aufgesucht - und dann erst im nächsten Jahr wieder - vielleicht mit dem Schützenverein und "Ich hatt' einen Kameraden", intoniert von der Bundeswehr-Kapelle ...

 

eddywieand-sinedi

Herzlichen Dank dem Initiator - dem Künstler Gunter Demnig - Herzlichen Dank an www.stolpersteine-bielefeld.de: Frau Dr. Biermann - Frau Hartog - Bitte das Bild anclicken ...

Seit dem 06.12.2012  - zum 90. Geburtstag - erinnert ein Stolperstein in ihrem näheren Wohnumfeld an Erna Kronshage
Lage: Fußgängerüberweg zum Bahnhof Sennestadt an der Ampel- und Schranken-Kreuzung Krackser-/Verler-/Sender Straße in Bielefeld-Sennestadt ...

NEUE WESTFÄLISCHE v. 07.12.2012 - zum Vergrößern anclicken ...
WESTFALEN-BLATT BIELEFELD v. 07.12.2012 - zum Vergrößern bitte anclicken ...
NEUE WESTFÄLISCHE BIELEFELD v. 29./30.12.2012
aus: Der Sennestadtverein | 55. Ausgabe | 27.Juni 2013 | S.18/19 - mit einem Click auf die Seite gelangen Sie zur pdf-Datei des Artikels ...

Auszüge aus Zuschriften zur Legung des Stolpersteins:

 

Lieber Herr Wieand ...
... Ich freue mich, dass der Stolperstein nun doch noch gelegt werden konnte und damit die Erinnerung an schlimmes Unrecht und Verbrechen wachgehalten werden kann.
Herzlichen Gruß
Horst Thermann


Lieber Herr Wieand ...
... Auch für mich war die Stolpersteinverlegung für Ihre Tante ein bewegendes Ereignis, das ich nicht vergessen werde. Wie gut, daß sich auch so engagierte, junge Menschen wie die anwesenden Schülerinnen an der Stolperstein-Initiative hier in Bielefeld beteiligen...
herzliche Grüße, Ihre Ute Sattler

 

Lieber Eddy,
wie wunderbar von dieser Stolperstein-Aktion für deine Tante zu "hören".
Schon lange habe ich mich mit dieser Art der Erinnerung an das
ungeheuerliche Leiden der Menschen im 3. Reich
beschäftigt. In Kamen und Unna liegen diese Stolpersteine bereits.
In Bergkamen m. E. noch nicht.
In meiner aktiven Lehrerinnenzeit wollte ich zum Abschluss meiner
Schulzeit im Gesellschaftslehreunterrricht in Ver-
bindung mit Religionsgruppen mit meinen Schülerinnen auf Spurensuche gehen.
Daraus ist jedoch leider nichts geworden.
Deine Mail leite ich auch  weiter an meine aktiven Kolleginnen !
Mit nachdenklichen Adventsgrüßen
Waltraud Broehsel

 

Hallo Eddy,
Respekt und Glückwunsch zu diesem besonderen Zeichen für einen tragischen Lebensweg in einer furchtbaren Zeit, mögen viele über diesen Stein "stolpern".
Herzliche Grüße für eine besinnliche Adventszeit
Ralf (Küssner)

Lieber Herr Wieand,

die Nachricht über die Stolpersteinverlegung hat mich sehr gefreut. Ich kann so gut nachempfinden, was das für Sie bedeutet!

Eine schöne – hoffentlich geruhsame – Vorweihnachtszeit wünscht Ihnen,

Sigrid Falkenstein

 

Hallo Eddy,

danke für den interessanten Artikel. Ich halte es für wichtig, diese Erinnerungen wach zu halten, damit so mit Menschen nie mehr umgegangen wird.

Mit guten Wünschen für einen schönen 2. Advent

Dieter (Kalesse)

 

Hallo Eddy.
danke für die Mail. Tolle Sache, mit dem Stolperstein “für” deine Tante. ... Ist schon Klasse, was du da “angeleiert” hast ... ...wir dürfen wenigstens älter werden und sollten dankbar dafür sein.
Liebe Grüße von hier, Anne (Weber)

 

Guten Morgen Eddy,
... Die Stolpersteinverlegung war schon bewegend und interessant. Danke, dass ich daran teilnehmen konnte.

Ich wünsche dir ein schönen Wochenende und liebe Grüße
Angelika (Janosch)

 

Lieber Herr Wieand,

leider kann ich an der Verlegung des Stolpersteins für Ihre Tante nicht teilnehmen, weil ich Schule habe. Ich finde die Idee der Stolpersteine sehr gut und wäre gerne dabei gewesen. 
So werde ich nun kräftig an Sie denken.
Vielen Dank für Ihre Einladung und viele herzliche Grüße
Christian Oesterwinter

Hallo Herr Wieand,
vielen Dank für ihre Informationen. Leider konnte ich am Donnerstag nicht vorbeikommen, aber der Zeitungsartikel hört sich ja gut an.
 Ich habe noch einmal eine Anfrage: In meiner 9. Klasse bin ich wieder beim Thema Euthanasie.
Hätten Sie Zeit und Lust, noch einmal in die HES zu kommen? ...
Die Klasse und ich würden uns sehr freuen, wenn sie uns mit ihrem Vortrag besuchen könnten. 
Mit freundlichen Grüßen
Karl-Werner Peitzmann